Als Folge einer schweren meteorologischen Fehleinschätzung haben die Filmschaffenden aus Hollywood auch diese beiden wuchtigen Maschinen mit auf die Insel gebracht. Zwei meterlange Propeller, eingebaut in schwere Stahlträger. Es handelt sich um Windmaschinen, bestimmt für einen Einsatz auf Sylt. Ausgerechnet! Als der Truck im Naturschutzgebiet des Sylter Ellenbogens ankam, hat der Aufnahmeleiter die beiden Ungetüme sofort vom Lkw abladen und in den Dünensand neben den Strandhafer setzen lassen. Inzwischen sind die zentnerschweren Maschinen leicht nach links abgesackt, der Nordseewind hat sie mit einer feinen Sandschicht überzogen, ein friedliches Bild.

Geschirr klappert, irgendwo gehen Teller zu Bruch. Lunchtime, die Ausgabe der Mahlzeiten an einem rot lackierten Vehikel mit der Aufschrift "Star’s dinner express" beginnt. Die Speisekarte wendet sich an den "Outdoor gourmet" und empfiehlt wahlweise "toten fish" oder "penne". Ein "On-set location service" hat für die Filmcrew ein weißes Essenszelt aufgebaut, darin haben als Erste die Männer der Lister Feuerwehr Platz genommen. Sie begleiten den Dreh interessiert.

Draußen vorm Zelt wird noch gearbeitet. Die vor sich hin lärmenden Stromgeneratoren stören die Mittagspause empfindlich. Die Walkie-Talkies wollen nicht verstummen. Ob Beleuchter oder Kulissenbauer, ob Maske, Kameraleute, der Ton, die Security, sie alle, von den Wachhunden abgesehen, führen kleine Sprechfunkgeräte zum Mund, es geht auch nicht anders bei dem Wind. Nur der Regisseur macht noch eine Ausnahme. Murmelt der klein gewachsene Chef mit der froschgrünen Regenjacke ein paar Sätze vor sich hin, dann gerät die Schar seiner Assistenten heftig in Bewegung.

Offenbar kann der Mann mit den grauen Haaren der kühnen Idee von gestern, ein Kameragerüst in den Dünen zu errichten, plötzlich nichts mehr abgewinnen. "Shit", soll Roman Polanski gerufen haben. Shit! Die Funkgeräte beginnen zu glühen. Shit, shit, alles shit! Es klingt verdammt nach Krise. Die Kameras müssen schnell an einen anderen Platz. Allradbewehrte Geländewagen wühlen sich durch den Sand, am Steuer einheimische Fahrer mit Anoraks und Holzfällerhemden. Sie kennen die Tücken des Geländes.

Ob das alles so abgesprochen ist? Gott sei Dank hat Michael Siebert Nerven, ein Mann für die ganz leichten Fälle ist er nie gewesen. Er kümmerte sich um den Tourismus an der Mecklenburgischen Seenplatte, später um jenen im Sauerland, bevor er schließlich Tourismusdirektor von List wurde, dem Seebad unterhalb des Ellenbogens, Sylts nördlichstem Zipfel. Es war der Beginn eines Lebens, dem Entsagungen nicht fremd sind. Sieberts Bühne ist die entfesselte Fischbudenarchitektur am Hafen, die Freunde von Krabbenbrötchen mit reichlich Hummersoße das ganze Jahr über magisch anzieht.

Immerhin gab es in List die Marineversorgungsschule der Bundeswehr, deren Partys und Buffets bis runter nach Westerland einen guten Ruf hatten. Doch Ende 2008 haben die Streitkräfte den Standort dichtgemacht, die Offiziere fehlen, der Tourismuschef hat sie "als unsere Elite" in guter Erinnerung.

In dieser Zeit, in der Siebert wieder für einen Glücksfall zu haben war, bekam er einen Anruf von einem Location-Scout. Einem Drehort-Ausspäher im Auftrage Hollywoods. Jetzt wurde klar, wer dieser Mann war, der sich zuvor auffällig lange in den Lister Dünen und am Hafen herumgetrieben hatte.

Es gehe um einen internationalen Thriller von Roman Polanski, Titel: The Ghost . Der Filmstoff basiert auf einem Roman des Briten Robert Harris. Und handelt von einem britischen Expremier namens Adam Lang, der, so viel wird verraten, zurückgezogen vor der amerikanischen Ostküste, seine Memoiren schreibt. Als ein Ghostwriter eintrifft, der bei der Vollendung des Werkes helfen soll, nehmen wüste politische und sexuelle Intrigen ihren Lauf. Siebert erfährt, dass die Hauptrollen besetzt werden mit Stars wie Ewan McGregor, Star Wars, Kim Catrall, Sex And The City, und Pierce Brosnan, 007.