Denk ich an Deutschland, so blicke ich in mein Aquarium. Knorrige Welse kleben an ihren kleinbürgerlichen Wurzeln, elektrische Messerfische sorgen für Strom, und Elefantenrüsselfische im Talar benehmen sich daneben. Auch Schützenfische sind darin: Frank-Walter und Angela, die mit den tief hängenden Mundwinkeln. Alles ist friedlich, ein hübsches Biotop, die Temperatur ist etwas zu hoch, ja klar, und der Sauerstoffgehalt nimmt ab – aber eigentlich ist es gut. Doch das muss natürlich nicht so bleiben. Ich brauchte nur einen Raubfisch hineinzusetzen, sagen wir, einen Nilbarsch, und im Nu wären alle aufgefressen.

Der Nilbarsch ist mir eingefallen, weil man es mit ihm schon einmal probiert hat, in den sechziger Jahren im Victoriasee. Schwups waren vierhundert kleine feine Fischarten ausgerottet. De groten Fisch fräten de lütten Fisch , weiß man in Deutschland seit 1604. Aber warum tun die großen Fische das eigentlich? Weil sie so gierig sind!, sagt man neuerdings und meint damit Global Player und Investmentbanker. Aber: Nilbarsche sind gar nicht gierig, sie tun nur, was sie zum Überleben tun müssen. Investmentbanker tun das auch. Ob sie zusätzlich besonders gierig sind, spielt dabei keine Rolle. Zertifikate und Derivate brauchen keine Gier, um großen Schaden anzurichten. Schon das gute Buch von Karl Marx kritisiert deshalb nicht die handelnden Personen. Es heißt nicht: "Die Kapitalisten".

An der Gier liegt es nicht. Sie ist gut und wichtig. Ohne die Gier der Konsumenten werden keine Autos gekauft, keine Flachbildschirme, keine iPhones, keine Aquarien. Und wenn keiner kauft, sinken die Steuereinnahmen, und der Sozialstaat geht baden. Ohne die Gier der einen kein Hartz IV für die anderen. Wie soll den Bankern heute unrecht sein, was sonst immer recht war?

Wenn ich die Augen schließe und träume, träume ich nicht von einer Welt ohne Gier. Ich träume von einer Welt, in der die Gier der einen die Gier der anderen in Schach hält. "Ordnungspolitik" nannte dies Walter Eucken, der Vater der sozialen Marktwirtschaft. Wie schade, dass sie so aus der Mode gekommen ist! Heute müsste Ordnungspolitik dafür sorgen, dass eine solche Krise gar nicht erst entsteht.

Wie das geht? Mit geschlossenen Augen sehe ich, dass dies viel einfacher ist, als man denkt: Wenn jede Bank jedes Risikopapier zwangsweise versichern müsste, hätte es die faulen Kredite und Derivate nie gegeben. Keine Versicherung wäre jenes Risiko eingegangen, das die Staaten nun ausbaden müssen. Versicherungspflicht für Bankpapiere, Schadstoffemissionen und Kernkraftwerke – das wäre Ordnungspolitik: Nilbarsch gegen Nilbarsch!

Aber leider hat das jetzt wieder keiner gehört, Frank-Walter nicht und Angela nicht. Sie ziehen stumm ihre immergleichen Kreise. Ich aber gehe zu Bett und halte es dabei mit Mark Twain. Ich bewahre meine Illusionen. Wenn sie verschwunden sind, werde ich weiterexistieren. Aber ich werde nicht mehr leben.