Es ist diese eine Stunde in der Frühe, die Franz Cutka bleibt, um dem Rummel zu entkommen, Luft zu holen. Eine Stunde, während der er sich über all die Akten beugt, die sich auf seinem Schreibtisch türmen, Grundbuchsachen, Insolvenzen. Eine Stunde, zwischen acht und neun, für das Alltägliche. Dann rolle die Welle wieder, sagt Cutka, "dieser Fritzl-Wahnsinn".

Hofrat Cutka ist Vizepräsident des Landgerichts St. Pölten. Als Richter kümmert er sich um Zivilrechtsfragen, aber weil hier nun von Montag an fünf Tage lang dem "Monster von Amstetten" der Prozess gemacht wird, ist Cutka Mediendirektor und Manager wider Willen. 152 Journalisten haben sich um eine Akkreditierung beworben, Fernsehteams aus Japan, Israel und Iran, Spanier, Russen, Norweger, es werden täglich mehr, und täglich fragen sie, wie es aussieht mit "Presenter Positions" oder Stellplätzen für "SNGs".

Richter Cutka weiß inzwischen, dass SNG für Satellite News Gathering steht, die Fernsehübertragungswagen, und dass Presenter Position ein Podest bezeichnet, auf dem ein Aufsager zu sprechen ist. Als Cutka begriff, welche Welle da auf sein Gericht zurollt, versuchte er sie umzuleiten. Er pachtete den Parkplatz nebenan und mietete ein Feuerwehrzelt für die Pressekonferenzen. Gerade kümmert er sich mit der Stadtverwaltung ums Catering. Sie brauchen eine Würstchenbude, jemanden, der für die Israelis koscher kocht, und einen Hammelfleischverkäufer wegen der Iraner. Seit 27 Jahren ist Cutka am St. Pöltener Gericht, aber so etwas wie jetzt hat er noch nicht erlebt.

Seit Wochen sind die Hotels in St. Pölten ausgebucht. Cutka hat eine Broschüre über das österreichische Rechtssystem anfertigen lassen, die auf den Zimmern ausgelegt wird. Er prüft ein Flugverbot über dem Gerichtsgebäude und überlegt, den großen, holzvertäfelten Schwurgerichtssaal jeden Tag nach Wanzen absuchen zu lassen. Cutka rüstet sich für das, was viele einen Jahrhundertprozess nennen, aber ein Jahrhundertprozess wird es wohl nur, was dieses ganze Drumherum betrifft.

Die Verhandlung verspricht zunächst wenig Überraschendes. Zu viel ist bereits durchgesickert in den letzten Monaten; die schaurigen Details der Anklageschrift wurden in den Medien ebenso ausgewalzt wie das Gutachten der Psychologin.

Josef Fritzl, geboren am 9. April 1935, österreichischer Staatsbürger, ist angeklagt, seine 18-jährige Tochter E. in ein Kellerverlies verschleppt, dort einsperrt und in vollständige Abhängigkeit gebracht zu haben. 24 Jahre lang soll er sie geschlagen und getreten und regelmäßig vergewaltigt haben. Ohne Strom und frische Luft, zwischen schimmligen Wänden und umherhuschenden Ratten hat die Tochter sieben Kinder bekommen.