Wer je den Einbruch der Nacht in den Tropen erlebt hat, kennt dieses plötzliche Versinken einer eben noch vertrauten Welt in hermetische Dunkelheit. Gespenstischer Lärm bricht unvermittelt los. Nur erfahrene Leute können die Geräusche unterscheiden und die Laute deuten. Sie erraten Kämpfe, erkennen die Kontrahenten, erahnen, was da in der Dunkelheit geschieht. Es ist die Zeit der nachtaktiven Tiere. Es sind die Stunden der Gespenster und Dämonen.

Ähnlich verwandelt sich der öffentliche Raum, wann immer es Politikern gelingt, ihre Ziele zu verbergen, ihre Absichten zu verdunkeln und wenn, aus welchen Gründen auch immer, niemand willens oder fähig ist, die tatsächlichen Motive zurück ins Licht der Öffentlichkeit zu zerren. Es ist die Zeit der lichtscheuen Interessen. Ein Raum für Ängste und Fantasien. Und die Stunde der Demagogen.

Womit wir auch schon beim gegenwärtigen Zustand Europas angelangt wären. Bei dem ungeklärten Fortgang seiner politischen Einigung, den Umtrieben der nationalen Regierungen und der Auswirkung auf die öffentliche Meinung. In keiner anderen Sphäre kann Politik so undurchsichtig agieren, bleiben die tatsächlichen Interessen so verdeckt, ist die Kluft zwischen öffentlichem Reden und politischem Handeln so tief. Und nirgendwo bleiben Regierungen derart unbehelligt von ihren Parlamenten und verschont von der Aufmerksamkeit der Medien wie in ihrem Tun und Lassen in, und vor allem gegen, Europa. Doch wer genau in die sich schnell ausbreitende Dunkelheit der europäischen Entwicklungen hineinhorcht, kann hören, wie ein neuer Nationalismus laut wird, wie die Imponiergeräusche einzelner Staaten zunehmen, wie das Hegemoniestreben scharrt und neue Allianzen zischeln.

Die Wirtschaftskrise breitet nun weitere dunkle Schichten über der Szene aus. Niemand sieht Europa handeln. Wir hören nur seine Kurfürsten zanken. Sie balgen sich um "Rettungspakete" und Konjunkturprogramme auf dem nationalen Interessenbasar, den sie Europa nennen. Einig sind sie nur in einem: Keine neue Macht für Europa!

Sie wollen Geld, aber keines hergeben. Dabei verschweigen die Vertreter von Staaten mit einer Staatsquote von bis zu fünfzig Prozent des Bruttosozialproduktes, dass sie Europa gerade einmal Einnahmen von einem Prozent zugestehen. Deshalb müssen die Gelder mit dem Klingelbeutel in Form einer Kollekte eingesammelt werden. Die Regierungen ziehen in diesem Ausnahmezustand mehr und mehr Macht an sich, zwingen die Parlamente hinter ihre informellen Gipfelbeschlüsse. Noch einmal scheint das Europa der Regierungen zu triumphieren, das doch für die Entstehung der Krise wesentlich mitverantwortlich war.

Waren es denn nicht ebendiese "Herren der Verträge", die, indem sie sich einer europäischen Sozialunion verweigerten, erst das Ungleichgewicht zwischen dem Europa des Geldes und dem politischen Europa herbeigeführt hatten? Waren es nicht sie, die Europa für ihre marktradikalen Deregulierungsziele instrumentalisierten, für die sie in ihren Heimatländern keine Mehrheiten gefunden hätten? Haben nicht sie die Europäische Zentralbank und damit die Geldpolitik von jeder Verantwortung für Wachstum und Beschäftigung entbunden? Musste nicht ihnen jeder Demokratisierungsschritt vom Verfassungskonvent erst abgetrotzt werden? Nein, es sind nicht die Bürgerinnen und Bürger, es sind die Regierungen und die nationalen Eliten, die sich der Einigung Europas in den Weg stellen.

Was aber, wenn sich ihre Entscheidungen auf hastig zusammengerufenen Gipfeln als unwirksam oder gar verhängnisvoll herausstellen sollten oder sich die wirtschaftliche Krise – wie absehbar – zu einer sozialen auswächst? Wer beantwortet dann die Fragen nach der demokratischen Legitimation, nach dem fairen Ausgleich, nach dem Verbleib des Geldes? Und wer übernimmt dann die Verantwortung für die "Unfähigkeit Europas"? Nein, die Regierungen werden nicht zögern, nachdem ihnen Europa zum Opfer gefallen ist, es anschließend als Täter an den Pranger zu stellen. Sie werden zum nationalen Rückzug blasen, nur um dann erst recht in die Fänge der Nationalisten, der Demagogen und der politischen Rechten zu geraten.