Evelia sieht den Zug an, so kennt sie ihn: orange und gelb angestrichen, vorne die alte Diesellok, hinten der Krankenwaggon für alle Fälle, wenn unterwegs der Sauerstoff knapp wird. Aufgeregte Touristen lehnen sich aus dem Fenster, die Digitalkamera in der Hand. Ein paar unausgeschlafene Briten und Franzosen lassen sich Zeit, kaufen noch ein Tütchen Kokablätter. Bitterer Saft, der gegen das Höhenfieber helfen soll. "Tren a las nubes" (Zug zu den Wolken) steht an die Waggons geschrieben. El tren nennen ihn die Leute aus der Gegend, weil sie nur diesen einen kennen. Zwei Jahre lang gab es keinen Betreiber für Argentiniens berühmteste Bahn, nun fährt sie wieder. Für die 23-jährige Evelia Olmos ist es der Zug nach Hause in die Berge. Sie nimmt ihn an diesem Morgen zum ersten Mal. Sonst fährt sie mit dem Bus zurück in ihr Heimatdorf San Antonio de los Cobres, wenn sie die Einkäufe in der Stadt erledigt hat.

In Salta, im Nordwesten Argentiniens, wenige Hundert Kilometer von den Grenzen zu Chile und Bolivien entfernt, startet der Zug, dessen Trasse eine der höchsten der Welt ist. Die Route führt bis auf 4200 Meter, über 29 Brücken, 13 Viadukte und durch 21 Tunnel. La linda, die Schöne, heißt Salta bei den Argentiniern: Im Zentrum stehen weiße Kolonialbauten, am Hauptplatz Palmen. Von grünen Bergen umgeben ist die Stadt, eingebettet in das andine Hochland, die Puna. Und im Hintergrund zu erahnen: die Kordillere der Anden mit ihren Sechstausendern.

Ein Ruck geht durch den Zug, die Türen schließen. 7.05 Uhr. Es geht los. Auf dem leeren Bahnsteig winken die Schaffner. Die Straßenlaternen leuchten noch, und sie werden längst wieder eingeschaltet sein, wenn die Fahrt gegen Mitternacht am selben Bahnhof endet. Langsam zuckelt der Zug durch die Vororte. Häuschen ziehen vorbei, nackte Buntsandsteinfassaden, Wellblechdächer, mit Backsteinen beschwert. Über Lautsprecher ertönt eine Ansage auf Englisch und Spanisch: "Bitte schließen Sie die Fensterläden." Die Passagiere befolgen brav die Anweisung. "Warum?", fragt nur ein Fahrgast, der auch später alles ganz genau wissen will, schließlich ist er Zugführer bei einer Bahn in Buenos Aires. "Sicherheitsgründe", sagt die Stewardess freundlich. Die Steine, die einige Jugendliche gegen den Zug werfen, sollen nicht auf ungeschützte Fenster treffen. Für die da draußen ist es nicht der Zug zu den Wolken. Es ist der Zug der reichen Touristen, den sie sich nicht leisten können, seit der Güterzug und die Wagen der zweiten Klasse abgeschafft sind. 100 US-Dollar kostet das Ticket, umgerechnet 345 argentinische Pesos. Das ist ungefähr ein Viertel von dem, was eine argentinische Grundschullehrerin im Monat verdient.

Evelia hat ihren Sitzplatz gefunden, ein junger Mann mit indianischen Gesichtszügen winkt ihr zu. Seine grüne Uniformjacke weist ihn als einen von drei lokalen Guides aus, die im Zug arbeiten, um den Passagieren von Land und Leuten zu erzählen, von der Geschichte der Bahn und der Natur am Wegesrand. Wie Evelia, die mit ihren Jeans und den weißen Turnschuhen einer modernen Städterin ähnelt, kommt Ignacio aus den Bergen, dem Minendorf San Antonio de los Cobres auf 3775 Meter Höhe und dem letzten Halt im Hochland. Dort hat Evelia zusammen mit 17 Freunden eine Kooperative gegründet, die den Tourismus ankurbeln will. Deshalb hat die Bahngesellschaft sie heute zur Probefahrt eingeladen. Vielleicht werden bald noch mehr Fahrgäste kommen, um an den Exkursionen teilzunehmen, die Evelias Kooperative rund um San Antonio plant. "Weit oben, in den Bergen, wo der Wind wohnt und es den schönsten Sternenhimmel der Welt gibt", sagt Evelia. "Ich liebe die Puna."

Doch bevor der Zug die baumlose Weite des Hochlands erreicht, muss er noch mehr als 200 Kilometer zurücklegen, schwindelerregende Höhen überwinden, Schluchten, Flusstäler, Kakteenwälder durchqueren, vorbei an kupferdurchsetzten, rot schimmernden Felsen.

Jahrzehntelang war el tren für viele Dorfbewohner die einzige Verbindung zur Welt, Unternehmern ermöglichte er den Zugang von Salta in Richtung Westen, zum Pazifischen Ozean, ins chilenische Antofagasta. 1921 begann der Bau, Hunderte Arbeiter zogen in die Berge, mit 400 Schaufeln, 300 Spitzhacken und Maultierkarren. Unter ihnen auch Josip Brosz, der später als Marschall Tito die Geschicke Jugoslawiens lenkte. Mehr als 600 Männer starben in der 27-jährigen Bauzeit, die meisten bei Sprengungen, beim Tunnelbau. Manche kamen auch im viento blanco, dem weißen eisigen Wind, vom Weg ab. Die genaue Zahl derer, die nicht zurückkehrten, weiß niemand.

"Drache der Kordillere" heißt der Wolkenzug bei den Alten, die sich noch daran erinnern, dass er einst von einer schnaufenden Dampflok angetrieben wurde. Seit 1977 zieht eine Diesellok den Zug von Salta nach San Antonio, vom Tal in den Wind, in die Berge. Und manchmal tatsächlich bis zu den Wolken, die unter den Viadukten schweben, auf den Gipfeln liegen. Heute allerdings ist der Weg frei ins perfekte Türkisblau des Himmels.