Berliner Mauerreste - Relikte der Vergangenheit

Gegen 20 Uhr passiert mein Volvo die Wache am Eingang zur Waldsiedlung Wandlitz im Norden Berlins, dem Wohnort für Mitglieder des SED-Politbüros. Es ist der Abend des 9. November 1989, eine denkwürdige Pressekonferenz liegt hinter mir. Ich bin noch ein wenig aufgedreht. Wer von den Illuminaten des Politbüros hat schon einen solchen unzensierten Auftritt vor der Weltpresse absolviert?

Dem Korrespondenten der italienischen Nachrichtenagentur Ansa sei Dank, geht es mir durch den Kopf. Zehn Minuten vor Schluss der Pressekonferenz hat der Reporter noch diese Frage gestellt: »Sie haben doch Anfang der Woche ein Reisegesetz veröffentlicht. War das nicht ein Fehler?«

Er zielte damit auf das unverständliche Wortungetüm, das vom Neuen Deutschland am Wochenanfang veröffentlicht worden war. Dieses Reisegesetz hatte noch am selben Abend auf den inzwischen regulären Montagsdemos eine Protestwelle ausgelöst. Die Zweifel an den Absichten des Politbüros wollte ich vor den Pressevertretern ausräumen mit der Ankündigung einer hastigen Korrektur des ellenlangen Gesetzes durch eine knappe und eindeutige Regierungsverordnung. Mein Vorhaben hätte ich unter dem Druck der Umstände fast aus dem Blick verloren – bis mir die Frage des Ansa-Mannes Stichwort und Anstoß zu meiner Antwort gab. Sie sollte, was ich nicht ahnte, weit mehr verändern als nur die Reisefreiräume für DDR-Bürger.

Die Fenster in fast allen Häusern der Waldsiedlung in Wandlitz sind dunkel. Hier hat noch Wohnrecht, wer inzwischen aus dem Politbüro ausscheiden musste. Offenbar haben die anderen Bewohner nichts mitbekommen von der Pressekonferenz, von meiner Darstellung der jüngsten ZK-Entscheidungen – freie Wahlen im nächsten Jahr, Einschränkung der bürokratischen Kompetenzen der Staatlichen Plankommission, weitere Ausschlüsse von Alten aus dem Politbüro –, ach ja, und von der Reiseregelung, die noch einmal einen Wust von verfänglichen Fragen auslöste. Zu Hause gibt es einen Topf Kaffee von meiner Frau. Entspannung ist angesagt nach diesem turbulenten Tag. Es ist der 24. Tag, seit wir Honecker entmachteten. Seither lebe ich in einer Blase von Euphorie.

Die Menschen sind zwar gegen uns, aber Stück um Stück kommen wir ihnen näher – wir, die, wenn auch späten, Gorbatschow-Nachahmer.

Die Ruhe des Wandlitz-Abends wird jäh unterbrochen. Das Telefon schrillt. Als ich abnehme, meldet sich ein Mitarbeiter der Bezirksleitung der SED. »Ich rufe an vom Übergang Bornholmer. Ein paar Hundert haben sich hier versammelt. Aber die Posten machen keine Anstalten, sie durchzulassen.« Der Anrufer hat die Pressekonferenz im Fernsehen mitverfolgt. Er hat keinen Zweifel, dass meine Ankündigung der Reisefreiheit »ab sofort, unverzüglich« gültig sei. Ich antworte, ebenso überzeugt wie der Anrufer von der Rechtskraft meiner Ankündigung: »Danke, aber da ist wohl, verflixt noch mal, wieder eine Panne passiert, vermutlich bei der Übermittlung an diesen Grenzübergang. Nehme an, sie wird in Kürze behoben sein. Ruf mich bitte dann noch mal an.«

Eine Viertelstunde später ist der Mann erneut am Apparat. Seine Unruhe ist deutlich spürbar: »Noch Dutzende, wenn nicht Hunderte mehr sind inzwischen hier eingetrudelt. Trotz Hinweisen auf deine Mitteilung: Sie lassen sie nicht durch.«

Jetzt ist auch bei mir der Zwirn dünn: Mein Gott, wenn es durch die Informationspanne zu einer Zuspitzung kommt! Hier die erwartungsfreudige Menschenmenge, und da die sich ihnen verweigernden Grenzposten.

Ich muss sofort zurück nach Berlin, um das bedrohliche Knäuel am Übergang Bornholmer Straße aufzulösen. Wir kommen von Norden, über die Schönhauser Allee. Dort, wo sie von der Wisbyer und Bornholmer Straße gekreuzt wird, ist die Schönhauser durch eine Autokette blockiert. Die Kühlerhauben zeigen nur in eine Richtung: Grenzübergang Bornholmer Brücke. In die verstopfte Bornholmer Straße ist kein Einbiegen möglich.