Da frisst sie sich durch einen Apfel, zwei Birnen, drei Pflaumen, vier Erdbeeren, fünf Orangen und ist immer noch nicht satt. Also schlemmt sie weiter, futtert ein Stück Schokoladenkuchen, eine Eiswaffel, eine saure Gurke, eine Scheibe Käse, eine Scheibe Wurst, einen Lolli, ein Stück Früchtebrot, ein Würstchen, ein Törtchen und ein Stück Melone. Damit sie dick und dicker wird und sich schließlich in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt.

Seit dem 19. März 1969 futtert sich die kleine Raupe Nimmersatt durch all diese Köstlichkeiten. Seit 40 Jahren stecken Kinder ihre Finger durch die Löcher, die das Insekt gefressen hat und die in die Seiten des Buches gestanzt sind: in Apfel, Birnen, Pflaumen, Erdbeeren, Orangen und in die anderen Leckereien. Löcher in einem Buch – das war neu Ende der 1960er Jahre. Und dass mit der Anzahl der Früchte auch die Breite der Buchseiten wächst, so etwas hatte es auch noch nicht gegeben. Getraut hat sich das der Künstler und Bilderbuch-Illustrator Eric Carle. Er hat Die kleine Raupe Nimmersatt 1969 in die Welt gesetzt. Seitdem hat sich das Bilderbuch 29 Millionen Mal verkauft und wurde in 45 Sprachen übersetzt.

Genauso wie sein Buch mit Löchern ungewöhnlich war, hatte auch die Raupe ihre Eigenarten. Eine Larve würde in der Wirklichkeit zum Beispiel niemals einen Lolli lutschen. Und Raupen fressen auch keine Orangen oder Melonen. Erst recht mögen sie keinen Kuchen, kein Eis, keinen Käse und keine Wurst, erklärt der Schmetterlingsexperte Walter Schön. Raupen mögen vor allem Blätter und Gräser, einige Arten Obst: Der Apfelwickler etwa schätzt Äpfel, der Pflaumenwickler Pflaumen. Die Raupe des Zitronenfalters dagegen frisst keine Zitronen, sondern Blätter. Andere Raupen ernähren sich von Blüten, Holz oder sogar Wolle. Doch alle Raupen fressen und fressen und fressen, um dicker und größer zu werden, wie die kleine Raupe Nimmersatt. Sie tun das, um sich zu verpuppen und später als Schmetterling zu schlüpfen. Manche von ihnen sind tausendmal so schwer, wie sie es als Ei waren, wenn sie sich in eine Puppe verwandeln.

Aber noch mal zurück zum Lolli. Weil eine Raupe nun tatsächlich keinen Lolli lutscht und all das andere süße und saure Zeug ebenso wenig mag, hat – so wird erzählt – Carles Buch Die kleine Raupe Nimmersatt 1970 nicht den Deutschen Jugendliteraturpreis gewonnen. Die Jury damals fand vielleicht einen Lolli ungeeignet als Raupenfutter und in einem Bilderbuch auch nicht gut untergebracht – ein Lolli macht doch Löcher in den Zähnen! Aber auch ohne diesen Preis ist Die kleine Raupe Nimmersatt eines der beliebtesten und erfolgreichsten Bilderbücher geworden.

Inzwischen gibt es das Buch in verschiedenen Größen, mit dicken Pappseiten, mit Holzraupe auf Rädern, aus Plüsch und zum Ausmalen. Zum 40. Geburtstag ist es gerade sogar als Pop-up-Ausgabe erschienen, mit ausklappbaren Erdbeeren und Würstchen und einem aufspringenden Kuchenstück. Carle genügte für seine Raupe 1969 einfaches, aber von ihm selbst bemaltes Seidenpapier, in leuchtenden Farben.

Der Vater war es, der dem kleinen Eric die Welt der Raupen und Eidechsen, der Füchse und Vögel zeigte, der ihn die Freude an Tieren und Pflanzen lehrte – auf langen und immer neuen Spaziergängen. »Die Natur hält so unendlich viele Geheimnisse und Wunder und Vergnügen bereit, wenn Du innehalten und wahrnehmen kannst«, schreibt Eric Carle aus den USA. Dort lebt der fast 80-Jährige heute. Dort hat er ein großes Museum für seine eigenen Werke und viele andere Bilderbücher gebaut. »Ich glaube, dass das Kind, nachdem es das Buch gelesen hat oder nachdem es ihm vorgelesen wurde, ein Gefühl empfindet, das am besten mit Hoffnung zu beschreiben ist.«

Carles Eltern waren Deutsche, die in die USA ausgewandert waren. Als Eric sechs Jahre alt war, gingen sie mit dem Sohn zurück nach Deutschland, nach Stuttgart. Dort war alles anders. In den USA hatte Eric in der Vorschulzeit mit dicken Pinseln auf großen Bögen Papier malen dürfen. In Deutschland war der Unterricht streng. Eric Carle quälte sich durch eine graue deutsche Schulzeit. Später verdiente er seinen Lebensunterhalt als Grafiker für eine Zeitung und für Werbung. Immer blieb er auf der Suche nach den strahlenden Farben, dem Leuchten, das er in seiner frühesten Kindheit erlebt hatte. Erst als er begann, Bilderbücher zu gestalten, konnte er sein Talent entfalten. Ein bisschen wie der Schmetterling seine Flügel. Insgesamt 70 Bilderbücher schuf Carle. Schon das zweite war die nimmersatte Raupe mit Lolli und mit Löchern. »Die Raupe ist ja ein kleines unwichtiges Ding«, schreibt Carle in seiner E-Mail, »am Schluss aber ist es ausgewachsen und fliegt in die weite Welt hinaus.« Und man spürt ein wenig, dass die kleine Raupe einiges mit ihrem Schöpfer gemein hat.