Schaut er ihr etwa aufs nackte Bein? Auf diese unschuldig helle Wade, die da gerade sanft von einer Zofe getätschelt wird? Oder hat König David seinen Blick bloß auf den roten Hut geworfen, den Lucas Cranach der Ältere der Bathseba auf den Kopf gemalt hat? Jedenfalls beharkt David seine Harfe mit eindeutigen Absichten, wie wir aus dem Alten Testament wissen: Er hatte die Frau des Generals Uriah vom Dach seines Palasts aus beim Baden beobachtet, und der Anblick hatte es ihm angetan. Denn, so steht es geschrieben, »das Weib war sehr schöner Gestalt«. David ließ Bathseba schließlich zu sich bringen und »schlief bei ihr«, wie Luther sich in seiner Übersetzung ausdrückte. Worauf Bathseba schwanger wurde.

David versuchte nun, den im Feld bei seinen Truppen weilenden Uriah zurück zu Bathseba nach Jerusalem zu locken, um ihm so noch die Schwangerschaft unterzuschieben. Doch der brave Uriah hielt sich an die Regeln: Enthaltsamkeit im Krieg gehörte damals zur religiösen Pflicht. Da er den Ehebruch also nicht mehr vertuschen konnte, ließ David seinen Offizier Uriah kurzerhand aus dem Weg räumen. Und heiratete dann die Ehebrecherin. So weit die Bibel.

Lucas Cranach (1472 bis 1553) hat an dieser Geschichte das Moment der Verführung interessiert. Wer ist schuld an der Sünde? Die wunderschöne Bathseba mit dem anmutigen Doppelkinn? Oder der beleibte König mit der Harfe? Deutet der kleine abgestorbene Baum neben dem Turm schon das Unglück an, das dieser erste Blickkontakt auslösen wird? Symbolisiert er den frühen Tod des gemeinsam gezeugten Sohns?

In Norwegen brechen sie derzeit in Kirchen ein, um an solch kapitale Cranach-Gemälde zu gelangen. Das auf das Jahr 1534 datierte, mit Öl auf Lindenholz gemalte David und Bathseba kann man hingegen noch bis zum 22. März ganz legal in Maastricht kaufen – falls man fünf Millionen Euro übrig hat. Der Münchner Galerist Konrad Bernheimer zeigt das kostbare Gemälde dort auf der weltweit wichtigsten Messe für altmeisterliche Kunst, der Tefaf.

Die Ehebruchszene habe früher das Schlafgemach eines sächsischen Herzogs geschmückt, heißt es. Eine durchaus übliche Hängung übrigens: Gemälde wie dieses sollten in den Schlafzimmern der Herrscher vor der Macht der Frauen warnen. Und nebenbei mit nackten Waden vielleicht auch für ein wenig Erotik sorgen. Tobias Timm