DIE ZEIT: Herr Marcinowski, die gentechnisch veränderte Kartoffel Amflora steht möglicherweise kurz vor der EU-Zulassung in Brüssel. Doch die Kommission hat den Termin bereits zweimal verschoben, zuletzt auf den 31. März. Glauben Sie, dass der Termin diesmal eingehalten wird?

Stefan Marcinowski: Aller guten Dinge sind drei. Nach allem, was wir wissen, sollte der Termin einhaltbar sein. Aber ich glaube erst daran, wenn das Gutachten tatsächlich vorliegt.

ZEIT: Die Kommission muss aber nicht zwangsläufig zustimmen, auch wenn das Gutachten der Europäischen Lebensmittelsicherheitsbehörde Efsa der Kartoffel Unbedenklichkeit bescheinigt.

Marcinowski: Nachdem es im vergangenen Frühjahr keine qualifizierte Mehrheit für oder gegen die Zulassung gegeben hat, liegt die Entscheidung auf dem Schreibtisch des zuständigen Kommissars Stavros Dimas. Er ist autorisiert, die Zulassung zu erteilen oder bei Zweifeln, ob wissenschaftlich begründet oder nicht, ein erneutes Begutachtungsverfahren einzuleiten. Von diesem Recht hat er Gebrauch gemacht. Schon im vergangenen Mai hat die Kommission allerdings versichert, sie wolle ihre Entscheidungen weiterhin auf die Wissenschaft stützen und vertraue der hohen Qualität der wissenschaftlichen Beratung durch die Efsa.

ZEIT: Aber gerade diese Qualität wird von Gentechnikkritikern bezweifelt.

Marcinowski: Mich stört, dass aus politischen Kreisen schon Zweifel an der Kompetenz und Professionalität der Efsa gestreut wurden, bevor sie überhaupt zum ersten Mal den von der EU definierten Zulassungsprozess für eine gentechnisch veränderte Pflanze durchlaufen hatte. Es gibt bisher erst eine in Europa zum Anbau zugelassene Pflanze, das ist der Monsanto-Mais Mon810, in den USA sind 70 Pflanzen zugelassen.

ZEIT: Die Amflora ist also mehr als eine Kartoffel.

Marcinowski: Sie ist der Lackmustest, wie es in Deutschland und Europa um die Zukunft der grünen Gentechnik bestellt ist.

ZEIT: Offenbar nicht gut. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat im Kreis der 27 EU-Umweltminister dagegen gestimmt, Österreich und Ungarn zu zwingen, ihr Anbauverbot für Mon810 aufzuheben.

Marcinowski: Ja, er hat dabei erstaunlich nationalistische und protektionistische Argumente ins Feld geführt: Es sei nicht die Aufgabe Europas, ein amerikanisches Gentech-Unternehmen zu unterstützen. Diese Argumente gelten alle für die Kartoffel nicht. Es ist ein Produkt, das von der europäischen Stärkeindustrie gewünscht wird. Es ist ein Produkt, das in Europa entwickelt worden ist. Und es soll in Europa zum Einsatz kommen.

ZEIT: Auch Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner spricht sich neuerdings gegen Gentechnik aus. Der bayerische CSU-Umweltminister Markus Söder will ganz Bayern zur gentechnikfreien Zone erklären. Nicht nur Österreich und Ungarn, sondern auch Griechenland und Frankreich haben den Anbau von Mon810 untersagt. Haben Sie das Gefühl, dass sich die Stimmung verstärkt gegen die grüne Gentechnik wendet?

Marcinowski: Wenn Sie in die Archive gehen und nachlesen, was Frau Aigner über Gentechnik gesagt hat, als sie noch im forschungspolitischen Ausschuss saß, finden Sie eine viel positivere Einstellung. Auch als im vergangenen Jahr die Nahrungsmittelpreise stiegen und die Tortilla-Krise Mexiko, Haiti und andere Regionen in Aufruhr versetzte, haben wir eher positive Einstellungen zur Gentechnik registriert. Jetzt kommen viele alte Argumente ins Spiel, darunter leider auch viele Argumente, die, wissenschaftlich betrachtet, schlicht falsch sind.