Schweine im Schlaraffenland

Das Wildschwein schnellt nach vorn, nur ein Schatten in der Dunkelheit. Während der Schuss nachhallt, flieht das Tier tödlich getroffen ins Dickicht, unauffindbar für den Jäger im Schneeregen der Winternacht. Die Schweißhündin Bero muss ran. Die Nase am Boden, folgt sie der Blutspur durchs Gestrüpp. Dreißig, vierzig Meter weiter, wo das Gelände zum Rheintal hin abfällt, ist das Wild zusammengebrochen. Der nasse Körper dampft noch. Dunkles Blut glänzt. Der Schütze, Peter Juretzki, prüft: Vom Dunkelgrau des dichten, groben Fells hebt sich hinter dem linken Schulterblatt das Einschussloch ab. Ein sauberer Treffer. "Waidmanns Heil!" – "Waidmanns Dank!"

Der Schuss im nächtlichen Westerwald, oberhalb des Rheintals bei Bad Hönningen, folgt den strengen Regeln der waidmännischen Hege des Wildes. In jüngster Zeit aber ist jeder Schuss auf ein Wildschwein obendrein auch ein Politikum. Denn Angst versetzt die Politik in Alarmbereitschaft, die Angst vor der Schweinepest. "Verschärfte Bejagung" fordert die Forstministerin von Rheinland-Pfalz, "ganzjährig" und "intensiv". Der nordrhein-westfälischer Minister verlangte auf einem "Schweinegipfel" mehr Abschüsse. Hessen startete indessen eine "Informationsoffensive" bei Jägern und Bauern. Denn mehrere in diesem Winter in Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen erlegte Wildschweine trugen die Tierseuche. Das Wild ist ein Reservoir für das Virus. Als es 1997 unter Hausschweinen in den Niederlanden wütete, mussten 12 Millionen Tiere getötet werden. Heute würde schon ein einziger Fall in einem Mastbetrieb zu weitreichenden Handelsbeschränkungen führen. Und nun müssen Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz womöglich noch Millionen Euro für Impfköder ausgeben, um eine Ausbreitung in den Wäldern voller Sauen zu verhindern.

Die Sorge vor solchen Millionenschäden lenkt jetzt den Blick auf ein Problem, das schon seit Jahren bundesweit drängt: Die Wildschweinpopulation wächst scheinbar unaufhörlich. Fast jedes Jahr schießen die Jäger eine Rekordmenge an Schwarzwild – ohne dass dessen Zunahme dadurch erkennbar gestoppt würde. Können neue Jagdmethoden Abhilfe schaffen?

Zum Beispiel das Modellvorhaben "Schwarzwildbejagung in Energiepflanzenbeständen": Wenn im Frühling der neue Mais ausgesät wird, dann entstehen auf sechs Höfen zwischen Bayern und Mecklenburg-Vorpommern eigentümliche Muster in den Feldern. Aus der Luft sehen die Schneisen und Freiflächen aus, als hätten Kornkreiskünstler mit Hang zu rechten Winkeln großflächig das Lineal angelegt. Die Geometrie im Getreide dient zum Test einer neuen Taktik. Denn Sauen in den Mais nachzusetzen ist praktisch unmöglich, zu dicht, zu hoch, keine Sicht. Darum teilen hier Streifen von Roggen und niedriger Braugerste das mannshohe Maismeer, erklärt Andreas Leppmann, Projektleiter und Geschäftsführer des Deutschen Jagdschutzverbandes (DJV). Von einem ersten Ergebnis berichtet Leppmann bereits: Freie Streifen am Waldrand nützten wenig. Erst Schneisen ins Innere, am besten quer zur Saatrichtung, zeigten Wirkung. Auf den sechs Höfen notieren die Bauern derweil: Was kosten die Schneisen, gehen die Wildschäden im Mais zurück? Die Jäger führen Buch: Gelingt es, mehr Wildschweine zu schießen?

"Der DJV ermutigt seine Mitglieder zu regionalen Lösungen und örtlichen Vereinbarungen", sagt Leppmann. Das Modellvorhaben ist auch praktizierte Verbandsdiplomatie – seht her, wir tun ja was! "Von gesetzlicher Gängelung halten wir nichts." Bis 2010 läuft das vom Bundeslandwirtschaftsministerium finanzierte Vorhaben noch.

Derweil rückt Sus scrofa dem Homo sapiens bedrohlich nah auf den Pelz: In Oberlauterbach demolierte eine Rotte Sauen die Glashäuser einer Gärtnerei (Donaukurier). Auf der A27 bei Bremen starben nach der Kollision mit einem Wildschwein zwei Menschen (Nordsee-Zeitung). Im hessischen Groß-Umstadt sprang eine Sau durch die geschlossene Balkontür in ein Wohnzimmer (Frankfurter Rundschau). Bei Limburg verursachten Wildschweine eine Massenkarambolage (Wiesbadener Kurier). Die Zahl der Wildschäden steigt, die Statistik der Verkehrsunfälle mit Schwarzwild zeigt nach oben.

Was dem Tier an Eleganz fehlt, wiegt es an Intelligenz wieder auf. Es kommt gut mit komplexen, sich ändernden Umgebungen zurecht. Als wahres Integrationswunder scheint es wie geschaffen für die Anpassung an die Kulturlandschaft. Die Art setzt einerseits auf eine hohe Zahl von Nachkommen statt auf langwierige Brutpflege. Andererseits begünstigt die Sozialform der Rotte – eine matriarchale Großfamilie – die Wissensweitergabe. Zielsicher erschnüffelt die Sau vergrabene Leckereien wie Pilze und Engerlinge, bevorzugt eine bestimmte Kartoffelsorte. Doch wenn es mal knapp wird, frisst Sus scrofa so gut wie alles. Und mehr Nahrung heißt mehr Nachwuchs. Sogar satte Frischlinge können schon trächtig werden, Bachen werfen zuweilen zweimal im Jahr. Aber warum macht diese Vermehrungsmeisterschaft ausgerechnet heutzutage das Schwarzwild zum Problemwild?

Schweine im Schlaraffenland

Das Wildschwein kompensiert mangelnde Eleganz durch hohe Intelligenz © Matt Cardy/Getty Images

Auch das liege am Klimawandel, heißt es. Doch milde Winter sind – ebenso wie gesteigerte Maismengen, denn die Anbaufläche besonders für Energiemais wächst rasant – nicht die alleinige Ursache. Klar scheint: Jahre, in denen die Natur die Bestände gesundschrumpft, sind praktisch passé. Jäger, Biologen, Umweltschützer, Land- und Forstwirte haben eine ganze Reihe Gründe ausgemacht. So nützen etwa die ungewöhnlich großen Eichel-Mengen der letzten Jahre den Tieren ebenso wie die Zersiedlung der Landschaft. Wie stark aber welcher Faktor zur Vermehrung beiträgt, lässt sich nicht beziffern. Bauern, Tierhalter, Bauherren, Grundeigner und Jagdpächter können bequem auf die jeweils anderen zeigen. Das Schweine-Schlaraffenland ist Menschenwerk.

"Die enormen Wildschweinbestände sind zum großen Teil ein hausgemachtes Problem", sagt Elisabeth Emmert, Bundesvorsitzende des Ökologischen Jagdverbands (ÖJV). Die Ausbreitung des Schwarzwilds sei den Jagdpächtern lange willkommen gewesen. Große Mengen an Futter seien über Jahrzehnte in die Wälder gebracht worden. "Wenn man immer viele Schweine zum Schießen hat, ist das natürlich etwas Schönes." Noch heute, wo die Populationen längst als Problem gelten, würden viele Jäger "viel zu viel Energie ins System" bringen. Der große DJV, zu dem der ÖJV eine kleine Opposition in der Jägerschaft darstellt, weist dies weit von sich.

Auch Peter Juretzki hatte seine Beute mit ein wenig Mais auf die Lichtung an seinem Hochsitz gelockt – um die Wartezeit zu verkürzen. Durchschnittlich 18 Stunden harrt ein Jäger bei der Ansitzjagd auf den Schuss. Mit 14 Stunden pro Tier ist auch die sogenannte Drückjagd, bei der viele Treiber und Schützen das Wild großflächig aufschrecken, nicht viel effektiver. Und obwohl die Verbände solche Gesellschaftsjagden propagieren, haben viele Jäger Vorbehalte: Da könnte das "eigene" Wild ja ins Revier des Nachbarn laufen und womöglich von dem geschossen werden.

Dabei konnte etwa der Schwarzwildexperte Oliver Keuling mit jahrelangen Funkpeilungen in Mecklenburg zeigen, wie kleinräumig die Bewegung einer Rotte auch in der Kulturlandschaft ist. Dass hoher Jagddruck die Tiere nachhaltig stört, wie viele Jäger fürchten, konnte Keuling ebenfalls nicht bestätigen. Forscher kritisieren, nicht immer entspreche der Wissens- auch dem neuesten Erkenntnisstand (siehe Kasten Legendäre Leitbache).

Gesammelter Kot soll klären, wie viele Wildschweine es wirklich gibt

Im Gegensatz zum Berufsjäger Juretzki, der Angestellter einer Gutsverwaltung ist, jagen viele der knapp 350.000 Jagdscheininhaber in ihrer Freizeit. An ihr Hobby knüpft der Staat die Pflicht zur "Erhaltung eines den landschaftlichen und landeskulturellen Verhältnissen angepassten artenreichen und gesunden Wildbestandes", so die Forderung von Paragraf1 des Bundesjagdgesetzes.

Überfordert die notwendige Reduktion die Feierabend- und Wochenendjäger? Der Wildtierökologe Jürgen Goretzki drückt sich höflich aus: Unter den gegenwärtigen Bedingungen der Landnutzung könne die Jagd die Bestände "im erforderlichen Maß nur eingeschränkt" beeinflussen. Er arbeitet am Bundesforschungsinstitut für Ländliche Räume, Wald und Fischerei (von-Thünen-Institut, vTI) in Eberswalde und hat schon in der DDR die Schwarzwildpopulationen beobachtet.

Schweine im Schlaraffenland

Das Wildschwein kompensiert mangelnde Eleganz durch hohe Intelligenz © Matt Cardy/Getty Images

Goretzki hat in alten Jagdbüchern nachgeschaut: Noch vor 70 Jahren gab es in weiten Teilen Deutschlands praktisch kein Schwarzwild. Im Winter 1937/38 erlegten die Jäger weniger als 37.000 Sauen. Bis heute ist die Ausbeute – bereinigt nach Grenzänderungen – um mehr als den Faktor 20 angestiegen. Für die Jagdsaison 2008/09 gilt eine neue Rekordstrecke von über 500.000 Tieren als wahrscheinlich. Bei einer Tierart, die sich binnen eines Jahres um mehr als 200 Prozent vermehren könne, lasse sich aber aus solchen Zahlen kaum die Größe der Population ableiten, sagt Goretzki. "Bestände sind sehr schwer schätzbar, mit sehr hoher Dunkelziffer."

Die Kühltruhe, deren Deckel Ulf Hohmann aufwuchtet, birgt Beutel voller unförmiger Klumpen. "Losung", sagt der Wildtierbiologe und breitet die kinderfaustgroßen Brocken auf einem Tisch in der Wildkammer aus. An der forstwissenschaftlichen Forschungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz in Trippstadt bei Kaiserslautern wird Wildschweinkot gesammelt und eingefroren. Er stammt aus einem 10.000 Hektar großen Gebiet des Pfälzerwalds, des größten zusammenhängenden Waldgebiets in Deutschland. Die gefrorene Losung hat die Doktorandin Cornelia Ebert zusammen mit Studenten aufgelesen. Auf parallel verlaufenden Routen durchwanderten sie in den Wintern 2006 bis 2008 das Revier, insgesamt 104 Kilometer am Tag, jeweils sechs Tage hintereinander.

"Mit einem Wattestäbchen nimmt unser Partnerlabor an der Uni Landau dann eine Probe", erklärt Hohmann. "An der haften auch Darmzellen, deren Erbgut im Labor isoliert wird. Individuelle DNA-Sequenzen, sogenannte Mikrosatelliten, zeigen uns dann, ob zwei Kotproben vom selben Schwein stammen."

Losung zur Lösung der Bestandsfrage, das hatten bereits hannoversche Forscher versucht, allerdings ohne Genanalyse. Die Forscher in Trippstadt hingegen experimentierten zunächst mit genetischen Fingerabdrücken in Sauenborsten – vergebens. Jetzt soll die Kombination den Erfolg bringen: Hohmann und sein Team suchen eine Methode zur Hochrechnung; eine, die es erlaubt, Jahr für Jahr vergleichbare Bestandsgrößen in beispielhaften Gebieten zu ermitteln.

Schon vor Jahren modellierten die Wiener Wildtierforscher Claudia Bieber und Thomas Ruf die Wildschweinrotte als mathematische Gleichung, inklusive Sterblichkeit, Altersverteilung und unterschiedlicher Fortpflanzungniveaus unter Schlaraffenlandbedingungen. Demnach wächst eine Rotte erst dann nicht mehr, wenn jährlich weniger als ein Fünftel aller Frischlinge überleben. Wer einen Bestand verringern will, muss praktisch den gesamten Zuwachs abschöpfen. Die Jungtiere bestimmen nicht nur die Populationsdynamik (siehe Grafik), Frischlinge sind auch besonders anfällig für das Schweinpestvirus. Und nicht bloß die Schweine, auch der Erreger profitiert von den gegenwärtigen Schlaraffenbedingungen: Trotz Infektion sterben weniger Wildschweine daran – weil es weniger schwache Tiere gibt. Wenn das Virus seinen eigenen Wirt nicht tötet, ist das für die Ausbreitung der Krankheitserreger von Vorteil. Diesen Trend zeigt zumindest ein neues Rechenmodell des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der norwegischen Universität Bergen.

Nun fordern Politiker angesichts der Schweinepestgefahr kleinere Bestände von höchstens zwei Tieren pro 100 Hektar; das gilt seuchenhygienisch als unbedenklich. Doch wie misst man die Schweinedichte? Oliver Keuling fürchtet: "Selbst Jäger, die ihr Revier sehr gut kennen, unterschätzen den Bestand oft noch um rund die Hälfte." Genaue Werte sind dringend nötig. Bis zum Sommer, hofft Ulf Hohmann, werde feststehen, ob das neue Losungs-Analyseverfahren funktioniere. "Dann könnten wir wenigstens einmal sehen, ob die Jäger den Großteil des Populationszuwachses erwischen und sich einfach noch ein bisschen mehr anstrengen müssen – oder ob sie völlig danebenliegen."

Auch den Jägern selbst schwant: Wenn sie die Bestände nicht bald in den Griff bekommen, falls gar die Schweinepest in einem Nutztierbestand ausbrechen sollte, ist Schluss mit der Waidmannsromantik. Nordrhein-Westfalen setzt schon jetzt Luftaufnahmen mit Wärmebildkameras ein. Die bei Jägern unbeliebten Frischlingsfallen sind fester Bestandteil von Selbstverpflichtungen zum Seuchenschutz. Längst fordert die mächtige Lobby der Schweinezüchter pharmazeutische Empfängnisverhütung. Tatsächlich wird am Berliner Leibniz-Institut für Wildtierbiologie gerade ein Verfahren erprobt, um ein hormonfreies Verhütungsmittel an Wildsauen zu verfüttern. Und in einem Archiv in Eberswalde lagern ausführliche wissenschaftliche Daten zum erfolgreichen Einsatz von sogenannten Saufängen in der DDR. Ganze Rotten passen in diese Fallen. Jürgen Goretzki hält es für "tierschutzgerecht" und für ein Zeichen von "ökologischem Realitätsdenken", wenn man Sauen lebendig finge, um Braten aus ihnen zu machen. "Aber es gibt noch große Vorbehalte, das auch umzusetzen" – noch.

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