Das Wildschwein kompensiert mangelnde Eleganz durch hohe Intelligenz © Matt Cardy/Getty Images

Goretzki hat in alten Jagdbüchern nachgeschaut: Noch vor 70 Jahren gab es in weiten Teilen Deutschlands praktisch kein Schwarzwild. Im Winter 1937/38 erlegten die Jäger weniger als 37.000 Sauen. Bis heute ist die Ausbeute – bereinigt nach Grenzänderungen – um mehr als den Faktor 20 angestiegen. Für die Jagdsaison 2008/09 gilt eine neue Rekordstrecke von über 500.000 Tieren als wahrscheinlich. Bei einer Tierart, die sich binnen eines Jahres um mehr als 200 Prozent vermehren könne, lasse sich aber aus solchen Zahlen kaum die Größe der Population ableiten, sagt Goretzki. "Bestände sind sehr schwer schätzbar, mit sehr hoher Dunkelziffer."

Die Kühltruhe, deren Deckel Ulf Hohmann aufwuchtet, birgt Beutel voller unförmiger Klumpen. "Losung", sagt der Wildtierbiologe und breitet die kinderfaustgroßen Brocken auf einem Tisch in der Wildkammer aus. An der forstwissenschaftlichen Forschungsstelle des Landes Rheinland-Pfalz in Trippstadt bei Kaiserslautern wird Wildschweinkot gesammelt und eingefroren. Er stammt aus einem 10.000 Hektar großen Gebiet des Pfälzerwalds, des größten zusammenhängenden Waldgebiets in Deutschland. Die gefrorene Losung hat die Doktorandin Cornelia Ebert zusammen mit Studenten aufgelesen. Auf parallel verlaufenden Routen durchwanderten sie in den Wintern 2006 bis 2008 das Revier, insgesamt 104 Kilometer am Tag, jeweils sechs Tage hintereinander.

"Mit einem Wattestäbchen nimmt unser Partnerlabor an der Uni Landau dann eine Probe", erklärt Hohmann. "An der haften auch Darmzellen, deren Erbgut im Labor isoliert wird. Individuelle DNA-Sequenzen, sogenannte Mikrosatelliten, zeigen uns dann, ob zwei Kotproben vom selben Schwein stammen."

Losung zur Lösung der Bestandsfrage, das hatten bereits hannoversche Forscher versucht, allerdings ohne Genanalyse. Die Forscher in Trippstadt hingegen experimentierten zunächst mit genetischen Fingerabdrücken in Sauenborsten – vergebens. Jetzt soll die Kombination den Erfolg bringen: Hohmann und sein Team suchen eine Methode zur Hochrechnung; eine, die es erlaubt, Jahr für Jahr vergleichbare Bestandsgrößen in beispielhaften Gebieten zu ermitteln.

Schon vor Jahren modellierten die Wiener Wildtierforscher Claudia Bieber und Thomas Ruf die Wildschweinrotte als mathematische Gleichung, inklusive Sterblichkeit, Altersverteilung und unterschiedlicher Fortpflanzungniveaus unter Schlaraffenlandbedingungen. Demnach wächst eine Rotte erst dann nicht mehr, wenn jährlich weniger als ein Fünftel aller Frischlinge überleben. Wer einen Bestand verringern will, muss praktisch den gesamten Zuwachs abschöpfen. Die Jungtiere bestimmen nicht nur die Populationsdynamik (siehe Grafik), Frischlinge sind auch besonders anfällig für das Schweinpestvirus. Und nicht bloß die Schweine, auch der Erreger profitiert von den gegenwärtigen Schlaraffenbedingungen: Trotz Infektion sterben weniger Wildschweine daran – weil es weniger schwache Tiere gibt. Wenn das Virus seinen eigenen Wirt nicht tötet, ist das für die Ausbreitung der Krankheitserreger von Vorteil. Diesen Trend zeigt zumindest ein neues Rechenmodell des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung (UFZ) und der norwegischen Universität Bergen.

Nun fordern Politiker angesichts der Schweinepestgefahr kleinere Bestände von höchstens zwei Tieren pro 100 Hektar; das gilt seuchenhygienisch als unbedenklich. Doch wie misst man die Schweinedichte? Oliver Keuling fürchtet: "Selbst Jäger, die ihr Revier sehr gut kennen, unterschätzen den Bestand oft noch um rund die Hälfte." Genaue Werte sind dringend nötig. Bis zum Sommer, hofft Ulf Hohmann, werde feststehen, ob das neue Losungs-Analyseverfahren funktioniere. "Dann könnten wir wenigstens einmal sehen, ob die Jäger den Großteil des Populationszuwachses erwischen und sich einfach noch ein bisschen mehr anstrengen müssen – oder ob sie völlig danebenliegen."

Auch den Jägern selbst schwant: Wenn sie die Bestände nicht bald in den Griff bekommen, falls gar die Schweinepest in einem Nutztierbestand ausbrechen sollte, ist Schluss mit der Waidmannsromantik. Nordrhein-Westfalen setzt schon jetzt Luftaufnahmen mit Wärmebildkameras ein. Die bei Jägern unbeliebten Frischlingsfallen sind fester Bestandteil von Selbstverpflichtungen zum Seuchenschutz. Längst fordert die mächtige Lobby der Schweinezüchter pharmazeutische Empfängnisverhütung. Tatsächlich wird am Berliner Leibniz-Institut für Wildtierbiologie gerade ein Verfahren erprobt, um ein hormonfreies Verhütungsmittel an Wildsauen zu verfüttern. Und in einem Archiv in Eberswalde lagern ausführliche wissenschaftliche Daten zum erfolgreichen Einsatz von sogenannten Saufängen in der DDR. Ganze Rotten passen in diese Fallen. Jürgen Goretzki hält es für "tierschutzgerecht" und für ein Zeichen von "ökologischem Realitätsdenken", wenn man Sauen lebendig finge, um Braten aus ihnen zu machen. "Aber es gibt noch große Vorbehalte, das auch umzusetzen" – noch.

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