Inmitten der Trümmer des im Zweiten Weltkrieg zerstörten Europas schwärmte Winston Churchill im Jahre 1946: "Wenn Europa dereinst geeint wäre, dann würde es keine Grenzen geben für das Glück, den Wohlstand und den Ruhm seiner vierhundert Millionen Menschen."

Heute droht das Gegenteil: Wenn Europa an der globalen Wirtschaftskrise zerbrechen sollte, dann wird es keine Grenzen geben für das Unglück, die Not und die Schande seiner Politiker und fünfhundert Millionen Menschen!

Erleben wir nach 1989 heute im Jahre 2009 die zweite Weltrevolution? Vor 20 Jahren brach völlig unerwartet die Berliner Mauer, dann die sozialistische Sowjetunion, schließlich die bipolare Weltordnung des Kalten Krieges zusammen. In diesem Jubiläumsjahr droht nun ironischerweise genau das Modell des Kapitalismus, dessen Sieg damals gefeiert wurde – die Vorstellung, der freie Markt sei die Lösung –, zu zerfallen. Dieses Mal aber droht der Zusammenbruch die Europäische Union mit sich zu reißen. Wo bleibt heute Europas leidenschaftliches Aufbäumen? Wo bleibt die visionäre Stimme eines Churchill?

Im vergangenen Herbst, als der Bankenkrach die Europäische Union aus ihrer Selbstbespiegelung riss, dachte ich, mein Gott, was für eine Chance! Die Finanzkrise schien geradezu wie gemacht für die Europäische Union. Angesichts der sich unerbittlich entfaltenden Globalität der Krise sind nationale Alleingänge offensichtlich ineffektiv, ja kontraproduktiv. Wer, wenn nicht die EU, besitzt die Erfahrung, nationale Interessen durch das Einschwören auf ein übernationales Gemeinwohl überhaupt erst handlungsfähig zu machen? Mit der Geschwindigkeit, mit der die Krise alle Hoffnungen auf "Entkoppelung" beiseite fegte, schien das europäische Modell der Staatenkooperation zur wechselseitigen Ermächtigung der Nationen seine historische Rechtfertigung zu erneuern. Das Mindeste, das man erwarten durfte, war eine abgestimmte, gemeinschaftliche Reaktion der EU, die der Welt ein Beispiel für eine angemessene Antwort auf die Krise bieten würde.

Der französische Präsident Sarkozy schlug denn auch im überraschenden Einvernehmen mit dem britischen Premierminister Brown eine Erweiterung der wirtschaftspolitischen Kompetenzen der EU vor. Er löste damit aber nicht weniger überraschend ein entschiedenes Nein der deutschen Vorbildeuropäerin Angela Merkel aus, unterstützt von fast der gesamten deutschen Kommentatorenöffentlichkeit. Entsprechend drehte sich plötzlich alles wieder nur darum, wie nationale Rettungspakete auszusehen hätten und wie diese durch die Parlamente zu peitschen seien. Dabei wurde gröblich die wichtigste Lehre der Großen Depression der 1930er Jahre missachtet: Jeder Rückzug in die nationale Idylle ist fatal – was droht, wird real: der Zusammenbruch der Weltwirtschaft.

Zweifellos stünde die Welt besser da mit einem global abgestimmten Rettungspaket, das Anreize schafft für den privaten Konsum in China, Japan und der EU, das gleichzeitig den öffentlichen Sektor in den USA ankurbelt und das schließlich eine Zukunftsperspektive bietet für die Restrukturierung des Weltfinanzsektors. Was dagegen im Eiltempo umgesetzt wurde – Blankoschecks für Pleitebanken –, scheint fast wirkungslos zu verpuffen. Die Arbeitslosigkeit explodiert global. Die Druckwellen sozialer Unruhen und Fremdenfeindlichkeit erschüttern bereits Europa. Und plötzlich geistert auch noch das Gespenst gescheiterter Staaten durch das Europa des Wohlstands und der Sicherheit.

Die Krise hat die osteuropäischen EU-Neumitglieder auf dem falschen Fuß erwischt. Gerade die Mitte dieser Länder, die bisher die EU-Reformen trug, fühlt sich nach der kommunistischen Enttäuschung nun auch vom kapitalistischen System im Stich gelassen. Auch wenn sich diese Länder in sehr unterschiedlichem Ausmaß als verwundbar erweisen, sind der Schock und die Enttäuschung gewaltig. Und die völkischen Verführer von rechts reiben sich die Hände.