ZEIT: Das "blonde Biest", wie Ihr Deutschland-Beauftragter Władysław Bartoszewski Erika Steinbach genannt hat, ist gezähmt. Sie hat ihren Anspruch auf einen Sitz im Zentrum für Vertreibungen zurückgezogen. Warum ist ein so unbedeutendes Ereignis ein "guter Tag für Europa", wie Premier Donald Tusk sagt?

Radosław Sikorski: Wir müssen zunächst ein Missverständnis klären. Er hat bloß die extremen Urteile beschrieben: "Für die einen ist sie eine schöne Blondine, für die anderen ein blondes Biest." Natürlich war das ein "guter Tag", weil das deutsche Establishment – Kanzler, Vizekanzler – diesen Beiratssitz als Risiko für das deutsch-polnische Verhältnis eingestuft hatte. Wir sind enttäuscht, dass die Fakten nicht bis zur breiten deutschen Öffentlichkeit durchdringen. Frau Steinbach war keine Vertriebene, sie wurde im Vorkriegspolen als Tochter eines Unteroffiziers der Besatzungsarmee geboren. Sie musste unser Land verlassen, nicht ihres. Zweitens hat sie 1991 gegen die Anerkennung unserer Grenze votiert…

ZEIT: …seitdem hat sie die doch akzeptiert.

Sikorski: Sie hat sich auch der Osterweiterung der EU widersetzt.

ZEIT: Auch das hat sie revidiert.

Sikorski: Aber jetzt werden Sie verstehen, warum sie zu einem Symbol der Klimaverschlechterung geworden ist. Ihr Beiratssitz hätte nicht dem Zweck eines Museums gedient, das den Begriff "Versöhnung" in seinem Namen enthält.

ZEIT: Die polnische Presse – Gazeta Wyborcza, Gazeta Polska und Rzeczpospolita – hat sehr kritische Meinungsbeiträge zu diesem polnischen "Pyrrhussieg" veröffentlicht. Angela Merkel sei von Warschau in die Enge getrieben worden und werde das so schnell nicht vergessen. War das nicht ein kleiner Sieg mit großen Langzeitkosten?

Sikorski: Wir finden es problematisch, dass so viele deutsche Regierungen so viele Mittel dafür verwendet haben, das politische Gewicht der Vertriebenenverbände zu stärken. Jetzt schon in der dritten Generation. Wir haben auch in Polen solche Leute, weil Polen ohne eigenes Verschulden 300 Kilometer nach Westen verschoben wurde. Sie erinnern sich und reisen in die alte Heimat, aber wir finanzieren das nicht, wir schaffen keine Bürokratie für die Identitätsbewahrung. Keinesfalls würden wir ihnen eine Politisierung gestatten, die einer Störung unserer Beziehungen zu ihren Herkunftsländern gleichkäme.

ZEIT: Wir haben doch aber mehr das Folkloristische finanziert. Die reale Politik lief auf das Gegenteil hinaus: ja kein revisionistisches Potenzial bilden, deshalb der Lastenausgleich und die Verteilung der Flüchtlinge über das ganze Land. Die Frage ist, ob wir je diese Schlachten um Symbole und Erinnerungen beenden können.

Sikorski: Das klingt wie ein Vorwurf an Polen…

ZEIT: …nein, nein…

Sikorski: …und solche Vorwürfe würden Sie gegen Israel nie erheben, weil Sie angesichts der Unermesslichkeit des Leids die Wunden respektieren würden. Sechs Millionen Juden sind umgekommen, sechs Millionen Polen, die Hälfte von ihnen jüdisch. Wir haben auch unsere Freiheit verloren, weit über 1945 hinaus. Der Zweite Weltkrieg ist für uns erst mit dem Beitritt zur Nato und zur EU zu Ende gegangen.