München im Jahr 2058, ein Morgen im Februar. Es ist noch dunkel, unter dem Licht der Straßenlaternen, ausgestattet mit besonders energiesparenden Natrium-Hochdrucklampen, machen sich die Menschen auf den Weg zur Arbeit. Selbst auf ehemals viel befahrenen Straßen wie dem Mittleren Ring hält sich der Lärm in Grenzen: Die Mehrheit nutzt das öffentliche Verkehrsnetz, alle anderen sind überwiegend in leisen Elektroautos unterwegs. Obwohl es über Nacht eisig kalt war, hat kaum jemand heizen müssen – dank moderner Wärmedämmung, die mittlerweile in den meisten Wohnungen und Gebäuden integriert ist.

So ungefähr könnte das Leben in der bayerischen Großstadt in knapp 50 Jahren aussehen, würden alle Vorschläge der Studie München – Wege in eine CO₂-freie Zukunft umgesetzt, die der grüne Bürgermeister Hep Monatzeder zusammen mit Siemens und dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie (WIKUE) vergangene Woche im Rathaus vorstellte. Bis Mitte des Jahrhunderts könne eine Großstadt wie München seine CO₂-Emissionen um fast 90 Prozent reduzieren, ohne dass es für die Bewohner zu Einschränkungen der Lebensqualität käme, lautet das zentrale Ergebnis der Untersuchung. Die Forderungen der EU-Umweltminister, die Treibhausgasemissionen bis 2050 zu halbieren, ließen sich so locker erfüllen. Warum also nicht gleich anfangen? Klopft man die Kalkulationen und Forderungen der Studie jedoch auf ihre Realisierungschancen hin ab, so liest sie sich wie ein Lehrstück darüber, warum der Klimaschutz in der Praxis so schwer umzusetzen ist.

Zwei Szenarios legen die Wissenschaftler ihren Berechnungen zugrunde. Im sogenannten Ziel-Szenario geht man von einem sinkenden Stromverbrauch aus, was sogar die Forscher selbst für eine eher idealistische Vorstellung halten: Obwohl in der Vergangenheit Kühlschränke und Computer im Laufe der Jahre immer weniger Strom benötigten, nahm der Verbrauch insgesamt zu; neue Geräte wie Handys und die stromfressende Nutzung des Internets fraßen die Einsparungen wieder auf. Das "Brücken-Szenario" dagegen kommt der Realität etwas näher. Hier rechnet man mit einem gleichbleibenden Stromverbrauch. Exemplarisch spielt die Studie in zwei Stadtteilen im Westen Münchens anhand konkreter Zahlen durch, welche Hebel wie dazu beitragen können, München in eine CO₂-arme Metropole umzuwandeln.

Anders als bei den meisten Vorgängerstudien werden detaillierte Kostenrechnungen präsentiert, die auf konkreten Vorbildern beruhen. Dabei gilt: Entscheidend ist es, den Verbrauch zu senken. Denn in der Regel koste es weniger, eine Megawattstunde Energie einzusparen, als sie aus regenerativen Quellen zu gewinnen – ein Phänomen, das der Amerikaner Amory Lovins bereits 1989 mit dem Begriff "Negawatt" umschrieben hat. Das größte Sparpotenzial sehen die Wissenschaftler dabei in der Wärmedämmung. In Häusern ließen sich mithilfe neuer Dämmschichten, Fenster und Lüftungsanlagen vier Fünftel der heute verbrauchten Wärmeenergie einsparen.

Wer sich von den damit verbundenen Kosten nicht abschrecken lasse und entsprechende Anstrengungen unternehme, helfe nicht nur der Umwelt, sondern profitiere auf lange Sicht auch finanziell, rechnen die Wuppertaler Forscher vor. Investierten die Stadt, die Unternehmen und die Privathaushalte in die Gebäudesanierung in den kommenden Jahrzehnten insgesamt rund 13 Milliarden Euro, wären der Studie zufolge schon im Jahr 2030 die Einsparungen größer als die Ausgaben. Genau hier versucht die Regierung bereits seit Langem anzusetzen: Bundesweit werden besonders energiesparende Passivhäuser gefördert; in München, das seit zwei Jahrzehnten von einer rot-grünen Koalition regiert wird, wurde kürzlich ein entsprechendes kommunales Förderprogramm auf zehn Millionen Euro jährlich erhöht. Trotzdem geht die Gebäudesanierung bisher nur schleppend voran.

Thorben Becker von der Umweltorganisation BUND macht dafür das Mieter-Vermieter-Dilemma verantwortlich: Obwohl der Vermieter die Sanierung bezahlt, profitiert zunächst der Mieter. Die Kosten darf der Vermieter erst später teilweise auf die Kaltmieten umlegen; die Motivation für Investitionen bleibt entsprechend gering. Deshalb müsse die Gesetzgebung aktiv werden, meint Becker: "Der Staat sollte die Anforderungen der Energiesparverordnung verschärfen." Bei der derzeitigen Wirtschaftslage allerdings, so argumentieren Kritiker, sei das undenkbar.