Nichts ist entsetzlicher als Kinder, die Kinder morden – und das in jenem Raum für Schutzbefohlene namens "Schule". Dem Schock folgen Trauer, Angst und Wut, eine Art moralischer Panik: Wer oder was hat Schuld? Wie den nächsten Angriff verhindern?

In religiösen Zeiten war die Antwort einfach. Das war Gottes Wille, sein "unerforschlicher Ratschluss". Der weltliche Mensch aber will es wissen und produziert dabei schnelle Antworten, die klar und eindeutig sind – und falsch. Kein Wunder, gerät doch die Suche nach dem unerklärbaren Ursprung des Bösen geradezu zwanghaft zur Sündenbock-Jagd.

Die Antworten sind bekannt: "amerikanische Verhältnisse", laxe Waffengesetze, die Eltern, die Lehrer, die Computer, die Moderne, die den Kindern ihre Kindheit raube, die Gewaltvideos, die sie zu Killern machten. Solche Erklärungen sind gut für die Seele, weil sie das Unfassbare greifbar machen. Aber sie halten den Fakten nicht stand.

Die bislang beste Studie stammt vom U.S. Secret Service (der für den Präsidentenschutz zuständig ist). Findings of the Safe School Initiative: Implications for the Prevention of School Attacks (2004) basiert auf 37 Fällen schulischer Gewalt seit 1974, als diese zum ersten Mal systematisch erfasst wurde. Gleich am Anfang heißt es lapidar: "Es gibt kein genaues oder nützliches ›Profil‹ von Schülern, die an gezielter Schulgewalt beteiligt sind."

Eine etwas ältere Studie des FBIThe School Shooter – notiert: Eine "Checkliste der Gefahrensignale gibt es nicht". Stattdessen offeriert der FBI 45 (!) Faktoren, die eine Rolle spielen könnten. Darunter befinden sich so alte Bekannte wie Minderwertigkeits- oder Überwertigkeitsgefühle, Entfremdung oder schlechte Gesellschaft, Vorurteile, "turbulente Familienbeziehungen", Drogen und Alkohol.

Was meint das FBI zum Beelzebub der deutschen Debatte, den Gewaltvideos, die der bayerische Innenminister nun noch heftiger ächten will? Von den 45 Faktoren beschäftigen sich nur zwei mit exzessivem Computerkonsum und der "Faszination von Gewalt" in Film, Fernsehen und Videospielen.

Der Secret Service meldet lakonisch: "Nur ein Achtel der Angreifer hat ein Interesse an Gewaltvideos gezeigt." Dagegen habe die größte Gruppe – fast 40 Prozent – über Gewalt geschrieben, in Gedichten oder Aufsätzen. Niemand käme auf die Idee, den Kids ihre Tagebücher wegzunehmen oder ihnen die Poesie zu verbieten.