Jetzt wird zurückgeschossen: Peitschenpeer ist ein Weichei, titelte der Schweizer Boulevard, um es diesem unmöglichen Deutschen, der die Eidgenossen als »Indianer« kleingeredet hatte und ihnen mit der »Kavallerie« kommen wollte, heimzuzahlen. Der nationalkonservative Bundesrat Ueli Maurer tauschte aus Protest seinen Dienst-Mercedes gegen einen Renault. Ein Parlamentarier schwang die Nazikeule. Vertreter des lokalen Gewerbes im Südbadischen verschicken Bettelbriefe an ihre guten Schweizer Kunden, in denen steht, dass sie mit diesem Finanzminister, diesem »Dummschwätzer«, nichts zu tun haben. Und ein Schweizer Bürger reicht Klage gegen Peer Steinbrück ein wegen Verstoß gegen das Antirassismusgesetz. Wer in diesen Tagen das Geschehen verfolgt, hat das Gefühl, Zuschauer einer komischen Oper zu sein. Gegeben wird das Stück »Hässliche Deutsche, gierige Schweizer«, und alle wollen es sehen.

Natürlich ist es nichts als richtig, dass dieser nordische Hüne mal sein Fett abbekommt. Schließlich haben seine Beleidigungen der Sache wenig gedient, dafür aber zwischen an sich befreundeten Ländern sehr viel Geschirr zerbrochen. Man beleidigt nicht ein ganzes Nachbarvolk, wenn es einem wirklich um die Sache geht, eine Sache wohlgemerkt, an der Einzelne verdienen. Die Schweiz besteht nicht nur aus Banken, die erwirtschaften gerade mal acht Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das Land wird die überfällige Sprengung des Bankgeheimnisses ohne Probleme überstehen. Das zeigen auch die zustimmenden wie gelassenen Stellungnahmen der Schweizer Privatbankiers. Und im Übrigen sind viele Eidgenossen froh, dass ihr Land nun in den Augen der Welt nicht mehr als ein alles schluckender Tresor gilt.

Aber ein Missionar wie Steinbrück scheint nur die Kollektivschuld zu kennen – eine Haltung, die gerade einem Deutschen schlecht ansteht. Für die Hunderttausende seiner Landsleute, die in der Schweiz leben, waren seine Äußerungen jedenfalls wenig hilfreich.

Interessanter ist aber eine andere Frage: Wie konnte das passieren? Hier haben sich in Zeiten der Weltwirtschaftskrise zwei getroffen, die mit dem Rücken zur Wand stehen. Der permanente Wahlkämpfer Steinbrück ist mit seinem missionarischen Eifer, den gläsernen Steuerbürger zu schaffen, in der Europäischen Union und auch im eigenen Land ziemlich isoliert.

Die Schweizer hingegen erleben gerade einen Realitätsschock. Da sieht die Welt plötzlich ihre Angelegenheiten ganz anders als sie selbst. Sie müssen hilflos zuschauen, wie einer ihrer Mythen in sich zusammenfällt. Nur, das Bankgeheimnis war eben auch eine Lebenslüge, und das wussten die Schweizer, also gaben sie es schneller preis als nötig. Und irgendwie ärgert sie das im Nachhinein gewaltig. Also wählen sie die schlechteste aller Haltungen: Sie sind beleidigt.

All diese Feindbilder, die nun zwischen den Nationen aufgebaut werden, bringen uns jedoch nicht weiter, sie haben uns noch nie geholfen. Sie sind Klischees, die mit der Wirklichkeit nur am Rande zu tun haben. Aber weil sich Schweizer und Deutsche so nahe sind, geografisch wie charakterlich, lässt sich gut auf der medialen Klaviatur der Animositäten spielen. Durch die Mistladungen an Emotionen, die sich Deutsche und Schweizer nun in Presse, Funk und Fernsehen gegenseitig vor die Hütte schaufeln, bleibt der Blick auf die Fakten verstellt.

Deutsche und Schweizer sind so eng, sie können gar nicht ohne einander