Irgendwann werden sie wieder einkaufen gehen, werden es müssen, weil einfach nichts mehr im Haus ist – nichts zu essen, kein Shampoo, kein Toilettenpapier. Und sie werden sich dabei ertappen, dass sie die Eierwaffeln oder die Müsliriegel oder die Frucht-Smoothies in den Wagen legen, die sie immer kaufen, weil ihre Tochter sie so gern mag – so gern mochte. Irgendwann wird das letzte T-Shirt aus der Wäsche auftauchen, das ihr Kind getragen hat vor dem Tag, an dem es ermordet wurde, und sie werden sich fragen, wo sie das jetzt hinlegen sollen. Irgendwann, ziemlich bald, wird das fiebrige Interesse der Öffentlichkeit sich abwenden von Winnenden, vom Amoklauf und von den Opfern einer Gewalttat, die so routiniert durcherklärt und zugleich als unerklärlich abgestempelt worden ist wie kaum eine zuvor. Dann sind sie allein, die Eltern der getöteten Kinder, mit einer unerträglich langen grauen Strecke Leben vor sich.

"Nichts ist mehr, wie es war", hat Bundespräsident Horst Köhler in seiner Trauerrede beim Gedenkgottesdienst gesagt. Für die Eltern und die Geschwister stimmt das. Aber für den Rest der Gesellschaft? Sechs Familien haben sich in einem offenen Brief an den Bundespräsidenten, die Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg gewandt, weil sie wollen, dass sich nicht nur für sie, sondern für alle etwas ändert. Sie fordern Altersbeschränkungen und technische Abrüstung im Schießsport, weniger Gewalt im Fernsehen, das Verbot von menschenverachtenden Computerspielen, eine bessere Kontrolle verhetzender Internetforen, eine zurückhaltende Berichterstattung über Amokläufe in den Medien. Maßvolle Forderungen, die jeweils nur geringe Einschränkungen für einzelne Bürger, Institutionen und Interessengruppen mit sich brächten – besonders, wenn man sie im direkten Vergleich mit den Leiden der Opfer und ihrer Angehörigen betrachtet.

Aber so leicht wird sich diese Gesellschaft nicht ändern. Die Tränen der Fernsehzuschauer werden kaum getrocknet sein, da wird die Waffenlobby wieder tausend Gründe finden, warum es einer Menschenrechtsverletzung gleichkommt, wenn Sportschützen ihre Munition im Verein oder bei der Polizei lagern müssen, getrennt von ihren Waffen. Die TV-Programmverantwortlichen werden ihr Programm unter Verweis auf Publikumsgeschmack, Quote und Satellitenempfang exakt so gestalten wie bisher. Die Computerspiellobby wird weiterhin so tun, als seien noch ihre abscheulichsten Produkte zugleich Lernmodule der digitalen "Wissensgesellschaft". "Gamer" werden bis zum Jüngsten Tag die tolle Grafik ihrer Spiele preisen und darauf pochen, es gebe keine "Beweise" dafür, dass Spiele, in denen zermatschte Aliens von den Wänden heruntertropfen, gefährlich seien.

Die Netzapologeten werden wie immer aufheulen bei dem Gedanken an irgendeine systematische Kontrolle ihrer geliebten rechtsfreien Chaträume – Internetanbieter zucken ja bereits beim Versuch der Familienministerin zusammen, den Zugang zu Seiten mit kinderpornografischen Inhalten zu sperren. Und die Medien? Sie werden über das nächste Massaker – wieder wird es ein junger Mann mit einer Neigung zu Waffen und digitaler Unkultur veranstalten, und seine Eltern werden rein gar nichts gemerkt haben – genauso dramatisch berichten wie über dieses, und das Publikum wird’s lesen, lesen, lesen und sehen, sehen, sehen wollen.

Der andere Verlauf, das ist der unwahrscheinliche. Aber es ist immerhin möglich, dass die leisen Stimmen der Eltern von Winnenden eine Sekunde der Stille erzwingen. Eine Sekunde, in der wir uns entscheiden könnten, den beschwerlichen Weg zu nehmen. Das hieße dann, sich von der bequemen Phrase zu verabschieden, Verbote nützten nie etwas. Das hieße, dass massenhaft Einzelne – in Redaktionen, auf Elternversammlungen, in Bundestagsausschüssen – anfangen müssten, sich gegen einen Anspruchs- und Gleichgültigkeitsliberalismus zu stellen, der jedem sein Hobby gönnt, seine großkalibrige Waffe, seine Pornofotos, sein Internetmobbing. Da ginge es um eine Haltung des kollektiven, freiwilligen, aber eben verbindlichen Verzichts: Weil Killerspiele und Horrorvideos und besonders echte Beretta-Pistolen nicht gut sind für gefährdete Jugendliche, müssten alle Konsumenten ihren Umgang damit mäßigen.

Wir müssen uns einmischen in das Leben unserer Kinder

Da ginge es, außerdem, um die Bereitschaft zur Einmischung: Nichts gilt heute als schlimmer, als Eltern für ihren Erziehungsstil zu kritisieren. Aber genau das müssten wir tun: es manchen Eltern nicht durchgehen lassen, dass ihre Kinder andere quälen. Und diejenigen ansprechen, die ihre Kinder niemals loben. Vor allem aber müssten wir uns einmischen in das Leben unserer Kinder. Viel zu leichtfertig haben wir die Sichtweise akzeptiert, die Jugendlichen lebten in ihrer eigenen Welt, einer digital geprägten Kultur, von der Erwachsene nichts verstünden und zu der sie auch nichts sagen dürften. Eine große Gefahr von Netz und Spielkonsole besteht in ihren gewalttätigen Inhalten – aber die vielleicht noch größere darin, dass diese Medien zwischen die Menschen treten und das Gespräch der Generationen abschneiden. Es hilft alles nichts: Wir müssen uns neben die Jugendlichen setzen und uns den ganzen Müll ansehen, den sie sich einverleiben und verbreiten, und wir müssen ihnen den Respekt entgegenbringen, ihnen zu sagen, dass es Müll ist. Und wenn es nötig ist, müssen wir bis drei Uhr morgens mit ihnen darüber streiten. Nur dann besteht die Chance, dass nicht alles so bleibt, wie es ist, in dieser Gesellschaft.

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