DIE ZEIT: Seit vier Jahren kümmern Sie sich um die UN-Dekade "Bildung für nachhaltige Entwicklung". Kaum ein Mensch in Deutschland weiß, dass es diese Dekade überhaupt gibt. Warum interessiert sich niemand für Nachhaltigkeit?

Gerhard de Haan: Von der Dekade weiß in der Tat kaum jemand. Doch fast alle interessieren sich für nachhaltige Entwicklungen, nur wird das Wort nicht benutzt. Geht es um Energiesparen, Klimawandel, fair gehandelte Produkte und Biolandwirtschaft, erlebt man eine breite Zustimmung innerhalb der Bevölkerung. Das Ganze aber auf den Bildungsbereich herunterzubrechen ist sehr schwierig.

Zeit: Die Hälfte der Zeit ist um, die Bildungs-Dekade endet 2014. Sie haben es nicht geschafft, das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen.

De Haan: Es stimmt, wir haben bisher zu wenig für die Breitenwirkung und die substanzielle Verankerung des Themas getan. Es war uns zunächst wichtig, die bereits Engagierten zu erreichen und deren Aktivitäten sichtbar zu machen. Wir haben über 800 Dekade-Projekte ausgezeichnet – aber das meiste spielt sich lokal ab, da stehen oft Einzelpersonen und kleinere Gruppen dahinter.

ZEIT: In Bonn wird es nächste Woche eine Halbzeitkonferenz zur UN-Dekade geben. 700 Teilnehmer aus aller Welt werden erwartet. Das Risiko ist hoch, dass auch davon keiner Notiz nimmt.

De Haan: Die Nachhaltigkeitsdebatte in Deutschland wird durch diese Konferenz kaum einen großen Sprung machen. Da müssen wir schon selbst aktiv werden und das Augenmerk auf weltweite Veränderungen des Bildungssystems richten. In Kanada zum Beispiel diskutiert man, das gesamte Bildungssystem auf Nachhaltigkeit zu überprüfen: Das betrifft die Lehrpläne und auch die Chancengleichheit. Dagegen ist Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) in Deutschland immer noch ein marginales Thema.

ZEIT: Der Nachhaltigkeitsbegriff wird zunehmend überfrachtet. Alle Entwicklungen für die Zukunft sollen nachhaltig sein. Wie aber erklären Sie einem Schüler, worauf es wirklich ankommt?

De Haan: Ich würde sagen: Mach deinen Kühlschrank auf, und sieh dir die Produkte an: Woher kommen sie, und wie setzen sie sich zusammen? Der Joghurt zum Beispiel: Die Milch kommt aus Süddeutschland, der Aludeckel aus Island, der Plastikbecher vielleicht aus Frankreich, und die Erdbeeren wurden aus Marokko importiert. Über diesen Weg bekommt man nicht nur eine Vorstellung über Transportwege, die ein Produkt nimmt, sondern auch über fairen Handel.