Es war eben nicht die "moralische Verlogenheit" der anderen, wie Herausgeber Henri Nannen in seinem Editorial schrieb, die da "aus allen Ecken kriecht" und "Kübel voller Unrat" über seine Redaktion schüttete, sondern der von einigen verlogenen Unmoralischen im eigenen Haus angerührte Nazidreck, in dem sein stern versank. Von der auf dem Titel angetrommelten Weltsensation "Hitlers Tagebücher entdeckt" wussten bis zur Veröffentlichung nur ein paar Eingeweihte in Verlag und Redaktion, die, blind vor Geldgier, Dummheit, Ruhmessucht, jene handschriftlichen Dokumente zwar heimlich besorgt, bezahlt und bewacht, aber nie ernsthaft geprüft hatten, ob die sechzig Tagebücher auch echt waren.

Die Trennung zwischen denen und uns half nun jedoch nichts mehr. Geschrieben hatte Nannen seinen Text am 5. Mai 1983, gedacht war er für das Heft der folgenden Woche. Erschienen ist er nie. Am 6. Mai 1983 wird die nicht immer nur moralische Anstalt stern vorgeführt als Irrenanstalt mit angeschlossener Fälscherwerkstatt. Im Unterschied zu normalen Anstalten offenbar geleitet von Irren. Denn die Nachrichtenagentur AP verbreitet um 13.27 Uhr, nach Erkenntnissen des Bundeskriminalamtes seien die "angeblichen Tagebücher Adolf Hitlers im Besitz des stern" gefälscht. Das gibt freudig strahlend Innenminister Friedrich Zimmermann, vom stern oft genüsslich als Old Schwurhand in verschiedenen Meineidaffären der CSU vorgeführt, gleichzeitig in Bonn bekannt.

Einige Minuten danach muss ein Schrei des Entsetzens aus dem Verlagshaus gedrungen sein. War natürlich nicht so. Im Schock erstarrt, stumm beginnen viele erst einmal zu weinen. Danach wächst Wut aus der Verzweiflung.

Zweieinhalb Stunden zuvor hat Chefredakteur Felix Schmidt in der Redaktionskonferenz vorsichtige Zweifel an dem Scoop, vorgetragen nicht von den harten Jungs aus D1 (Politik) oder D2 (Kriminalfälle aller Art), sondern von Ingrid Kolb aus dem Ressort Erziehung und Gesellschaft, barsch mit dem Satz abgebügelt, dass sich beim falschen Blatt befinde, wer die journalistische Sorgfalt der Kollegen infrage stelle und an der Echtheit der Tagebücher zweifle. Über die seltsamen Initialen auf den Kladden, die eher wie FH aussahen (Fritz Hitler?) oder IH (Idiot Hitler?), habe sich bereits AH (Adolf Hitler) aufgeregt.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/​AFP/​Getty Images

Doch jetzt gibt es keine Zweifel mehr. Ab Freitag, 13.27 Uhr, sind auch wir mitgefangen auf dem plötzlich erloschenen stern. Mit 1,8 Millionen Auflage ist er noch das größte Magazin der Republik, gefürchtet von den Mächtigen, was denen, die ihn machen, ebenfalls Macht verleiht. Mit dieser Arroganz der Macht immerhin wird es vom 6. Mai 1983 an vorbei sein. Rückblickend betrachtet, die einzige positive Folge des Skandals.

Für sechzig Hitler-Tagebücher, besorgt von dem "Star-Reporter" Gerd Heidemann, hatte der G+J-Vorstand, verantwortlich Manfred Fischer und Gerd Schulte-Hillen, 9,34 Millionen Mark bezahlt – zunächst an der Chefredaktion Peter Koch, Felix Schmidt und Rolf Gillhausen sowie an Herausgeber Nannen vorbei, danach mit deren zähneknirschender Zustimmung. Dass sie allenfalls das Papier wert sind, auf dem sie gefälscht wurden, haben stern- Reporter, die ihrem ehrlichen Handwerk nachgehen, bereits am Morgen des 7. Mai nach nur zehn Stunden herausgefunden. Und sie erfuhren: