Walter Müller, mein Klarinettenlehrer, Angestellter der Niederrheinischen Sinfoniker und ein weiser Mann, hatte sich am Ende der Stunde wie immer eine Pfeife angezündet, einmal uhugleich durch die dicken Brillengläser geblinzelt und dann gesagt: "Geh ruhig mal zum Jazz!" Anschließend drückte er mir das goldglänzende, große Etwas von Tenorsaxofon in die Hand, auf dem ich, von ihm angeleitet, ein paarmal geübt hatte, und schickte mich über den Hof der Musikschule. Er wusste, dass man mit fünfzehn Jahren nicht alleine von Carl Stamitz und Paul Hindemith leben kann. Nun stand ich da.

Die Jazzer waren ein Selbstverständlichkeitsverein. Man kam, packte aus – und spielte. Solange es Noten gab, ging das. Bei mir mehr schlecht als recht, aber es ging. Dann wurde improvisiert: Now Is The Time, swingender, ja rasanter Blues und 24 Takte zur freien Entfaltung, bitte schön. Die Rhythmusgruppe nickte mir kollektiv aufmunternd zu, aber wo nichts ist, kann sich auch nichts entfalten. Und dann waren die 24 Takte schon wieder vorbei. Im Jazz, dachte ich, geht die Zeit noch schneller dahin als in der Wirklichkeit. Fortan kaufte ich Count Basie, Charlie Parker und Miles Davis auf Schallplatten. Sie wurden – unter vielen anderen, denn die Sammlung wuchs und wuchs – sozusagen meine Nachhilfelehrer, und ich schaffte es später manchmal auch bei den Konzerten, halbwegs anständig 24 Takte und mehr zu füllen. Aber selbst dann hatte ich oft das Gefühl, dass diese Welt sich für mich eindeutig zu rasch drehte.

Einer aber tickte anders: Eberhard Weber. Ein Stück von The Colours Of Chloë von 1974, seiner ersten Soloplatte, war nachts mit ihm am Bass im Radio gelaufen oder vielmehr: langsam gegangen; besonnen stand die Musik für sich selbst, lief nichts hinterher. Eberhard Weber schien alle Zeit der Welt zu haben, und man konnte ins Träumen kommen oder grübeln oder an gar nichts denken. Hinten auf der Platte war ein Foto des Bassisten: Mit lockigem Langhaar beugte er sich selbstvergessen über ein Instrument, das der Stuttgarter eigens ertüftelt hatte; sein einmalig singender Kontrabass besaß noch eine zusätzliche, eigentlich unmögliche fünfte Saite. Vorne drauf, auf einem von Webers Frau Maja gemalten Bild, standen sie zu sechst: Vater, Mutter, Kinder – vor einer Blumenhecke und unter einem alles überwölbenden rosa Himmel.

Eberhard Webers Musik schien mir, wie sie aus der Stille heraus geduldig und detailliert die Harmonien ausforschte, eine einzige Verheißung zu sein und Maja Webers Gemälde eine schöne Perspektive. Wenn wir mit unseren Kindern heute das obligatorische Ferienabschlussfoto machen, muss ich immer an die Hecke und The Colours of Chloë denken.

Alle Aufnahmen Eberhard Webers, den man aus Hunderten von Bassisten heraushört, egal ob er mit Pat Metheny oder Kate Bush spielt, sind mir dann zu ständigen Begleitern geworden: Auf seine Saiten konnte man bauen. Insofern hat er, 1940 geboren, fast ein bisschen eine Vaterrolle für mich gehabt. Tatsächlich sind wir uns niemals persönlich begegnet und erst recht nicht verwandt. Was ich sagen wollte: Danke!