Der Erinnerungstisch ist reich gedeckt – Seite 1

Ein Gedankenspiel, nichts weiter. Aber es kann vielleicht die Konkurrenzgefühle ein wenig drosseln, mit denen wir in Deutschland seit Jahren über den vermeintlich so ungleichen Umgang mit "zweierlei Vergangenheiten" streiten: Blendete man die beiden Verläufe auf einer imaginären Zeitachse übereinander, so wäre unser heutiger Stand der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit der Geschichte der DDR am bundesrepublikanischen NS-Diskurs des Jahres 1965 zu messen. Die Vorstellung trägt aus vielen Gründen nicht sehr weit, aber eines macht sie doch schlagartig klar: 20 Jahre nach dem Fall der Mauer hat die immer wieder geführte Klage über ein zu geringes Interesse an der Geschichte der DDR auch eine alarmistische Note.

Im Gegensatz zu dem, was heute vielfach suggeriert wird, begann die historisch-kritische Auseinandersetzung mit der DDR nicht erst, als diese aufgehört hatte zu existieren. In ihren Möglichkeiten zwar ungleich eingeschränkter als die Zeitgeschichtsschreibung über die Bundesrepublik, hatte es im Westen doch stets auch eine ernst zu nehmende DDR-Forschung gegeben. Und trotzdem änderte sich im Winter 1989/90 alles. Nur ein paar Tage nach dem "Sturm" auf die Stasi-Zentrale in Ost-Berlin am 15. Januar 1990 überschlugen sich vor allem die westdeutschen Medien mit Berichten über das bis dahin unbekannte Ausmaß der Bespitzelung, die menschenverachtenden Praktiken und die Allgegenwart der sogenannten Sicherheitsorgane, und schon in den frühen neunziger Jahren füllte die Literatur zu diesem Thema eine kleine Bibliothek. Mag auch der Gestus des Sensationellen und des Skandals, in dem damals über Täter und Opfer (und über deren gar nicht so seltenen Rollentausch) verhandelt wurde, im Rückblick ein wenig an das halb aufklärerische, halb apologetische Sprechen über Gestapo und SS in der Bundesrepublik der frühen fünfziger Jahre erinnern: Die Tatsache, dass eine intensive öffentliche Debatte über die DDR-Vergangenheit entstand und sich schnell über den Kreis der Bürgerrechtler hinaus entfaltete, muss nicht zuletzt als ein kritischer Reflex auf die Geschichte des bundesdeutschen Umgangs mit der NS-Vergangenheit verstanden werden.

Vier Jahrzehnte nach dem Neubeginn in Bonn waren die Westdeutschen wohl mehrheitlich der Auffassung, dass die Realität des "Dritten Reiches" in der Bundesrepublik lange Zeit "verdrängt" worden war; die im Zeichen des eisernen Antifaschismus erzogenen Ostdeutschen hatten ohnehin nie anderes vermutet. Dieses Bewusstsein von der skandalösen Schonung der nationalsozialistischen Täter und der Ignoranz gegenüber ihren Opfern, das seit den sechziger Jahren – nicht allein in den Achtundsechzigern, aber gleichsam mit ihnen – herangewachsen war, kam jetzt mit Blick auf die DDR-Vergangenheit zum Tragen: Was nach dem Ende der "ersten Diktatur" irreparabel falsch gelaufen war, namentlich bei der strafrechtlichen Ahndung von NS-Verbrechen, das sollte sich bei der "zweiten Diktaturbewältigung" nicht wiederholen.

Ein deutliches Indiz dafür, dass nicht nur Westdeutsche so dachten, waren die noch in der Endphase der DDR eröffneten Verfahren vor allem wegen Wahlfälschung und Amtsmissbrauch, die oft auf Anzeigen aus der Bevölkerung basierten. Die meisten Ermittlungen kamen allerdings erst nach der Vereinigung in Gang, und sie zielten keineswegs nur auf die Spitzen des verflossenen Regimes. In Berlin ging eine eigens eingerichtete Staatsanwaltschaft II in etwa 21.000 Fällen (Stand Ende 1997) dem Verdacht auf "Regierungskriminalität" und Justizunrecht nach (sie war außerdem zuständig für "vereinigungsbedingte Wirtschaftskriminalität"); es kam in den neuen Bundesländern zu rund 62.000 Ermittlungsverfahren gegen schätzungsweise 100.000 Personen. Zwar standen im Laufe dieser Anstrengungen insgesamt weniger als 1000 Personen vor Gericht, und lediglich etwa die Hälfte davon wurde (meist zu Bewährungsstrafen) verurteilt. Dennoch machten die Prozesse gegen Honecker, Krenz und weitere Mitglieder des Politbüros, gegen einen Teil der militärischen Führung und gegen etliche mutmaßliche "Mauerschützen" unmissverständlich klar, dass der Rechtsstaat Bundesrepublik die schweren Menschenrechtsverletzungen in der DDR nach deren Ende nicht einfach auf sich beruhen lassen wollte.

Mehr noch als die mühseligen Gerichtsverfahren, in denen erlittenes Unrecht vielleicht nicht angemessen gesühnt, wohl aber deutlich benannt werden konnte, signalisierte die Gründung der rasch so genannten Gauck-Behörde, dass ein "Schlussstrich" nicht infrage kam. Denn im Tauziehen um die Akten setzten sich die Bürgerrechtler durch, jedenfalls in Bezug auf jenen Teil des gewaltigen Datenbestandes der Staatssicherheit, der nicht schon in den ersten Tagen und Wochen nach der Maueröffnung gezielt vernichtet oder beiseite geschafft worden war. Nachdem die Regierung Kohl bei den Verhandlungen zum Einigungsvertrag einem Gesetz der Volkskammer nicht hatte folgen wollen, das eine dezentrale Lagerung und Verwaltung der geretteten Stasi-Akten gewährleisten sollte, war im September 1990 im ehemaligen Mielke-Ministerium eine Gruppe von Archivbesetzern in Hungerstreik getreten. Als Ergebnis hektischer Verhandlungen wurde der Rostocker Pfarrer und Bürgerrechtler Joachim Gauck am Tag der Deutschen Einheit zum Sonderbeauftragten der Bundesregierung für die Stasi-Unterlagen ernannt. Damit begann der Aufbau einer Behörde, deren Dimensionen und Aufgaben für Jahre nirgendwo in Osteuropa eine Parallele fanden.

Schon wenig später lief die Überprüfung Hunderttausender auf eine frühere Stasi-Tätigkeit an. Sie betraf vor allem Ostdeutsche, die im Staatsdienst waren oder in diesen aufgenommen werden wollten – und addierte sich bis zur Einschränkung des Verfahrens im Dezember 2006 auf etwa 1,75 Millionen Anfragen. Hinzu kamen die persönlichen Anträge auf Akteneinsicht, die seit dem Inkrafttreten des Stasi-Unterlagengesetzes vom 20. Dezember 1991 rund 1,6 Millionen Menschen stellten. Insgesamt führte diese Praxis zu einer politischen und gesellschaftlichen Präsenz der DDR-Vergangenheit, die durchaus mit jener während der Entnazifizierung nach dem Zweiten Weltkrieg zu vergleichen ist.

Anders als damals spielten Mitgliedschaft und Rang in der SED für sich genommen zwar keine Rolle – und das war, wie sich bald zeigen sollte, ein folgenreicher Unterschied. Aber die Dimensionen des Durchleuchtungsverfahrens produzierten historisch bekannte Reaktionen: Denn von den solchermaßen enttarnten Zuträgern oder Mitarbeitern der Geheimdienste betrachteten sich bald etliche als Opfer der neuen politischen Verhältnisse. Dabei waren jene, die zwar wichtige Parteifunktionen (etwa als Schuldirektoren) bekleidet, sich aber nicht der Stasi verpflichtet hatten, vielfach ohnehin völlig unbehelligt geblieben. Ähnliches galt anfangs auch für die zahlreichen Inoffiziellen Mitarbeiter der Stasi im Westen.

Den nachträglichen Beschönigungen und verniedlichenden Erinnerungen, wie sie nach 1945 zu beobachten waren und wohl nach jedem politischen Umsturz zu gewärtigen sind, standen allerdings bereits kurz nach der friedlichen Revolution vielerorts aufblühende zeitgeschichtliche Initiativen entgegen. Dazu trug sehr bei, dass ostdeutsche, westdeutsche und auch ausländische Historiker schon im Moment des Untergangs der DDR Zugang zu deren Nachlass suchten und erhielten. Denn anders als nach dem Ende des NS-Regimes, als die Siegermächte, nicht zuletzt zur Vorbereitung des Nürnberger Prozesses, die deutschen Akten erst einmal beschlagnahmten, waren viele Bestände des SED-Staates und seiner sogenannten Massenorganisationen sofort offen.

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Hinzu kam, und auch das reflektierte vor allem die westdeutschen Erfahrungen im Umgang mit der NS-Vergangenheit: Die politische Klasse der größer gewordenen Bundesrepublik war bereit, die materiellen Rahmenbedingungen für eine eingehende wissenschaftliche Erforschung der DDR-Geschichte zu gewährleisten. Ja mehr noch, mit Einsetzung der Enquetekommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" begab sich der Bundestag im Frühjahr 1992 unter dem Beifall aller Fraktionen, wenn auch gegen den Willen der PDS/Linken Liste, selbst in die Rolle des historischen Erkenntnisstifters.

Drei Jahre später lag ein buchdicker Abschlussbericht vor, dazu Anlagen in 17 weiteren Teilbänden auf mehr als 15.000 Druckseiten. Ungeachtet etlicher Sondervoten vor allem vonseiten der oppositionellen SPD, die das Werk durchzogen und den Eindruck verstärkten, dass hier Geschichte offiziell fixiert worden war, hatte der Bundestag im Sommer 1995 bereits eine weitere Enquete beschlossen. "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" lautete, grammatikalisch etwas rätselhaft, ihr Titel.

Auch wer die (selbst-)aufklärerischen Absichten der beiden Großprojekte und die damit wohl erhofften erzieherischen Wirkungen anzuerkennen bereit ist, kommt nicht umhin, einige Fragezeichen hinter die fast sechsjährigen Anstrengungen der Legislative zu machen: Ist es wirklich Aufgabe des Parlaments, Geschichte zu schreiben oder auch nur zu dokumentieren? Was genau war dabei das Erkenntnisziel? Und hatte man mit den raumgreifenden Erkundungen bis hinein in das "Alltagsleben in der DDR" nicht einen Weg eröffnet, der seitdem immer weiter in die Sackgasse staatlich eingehegter "Erinnerungskultur" geführt hat?

Die Zweifel an der Berechtigung einer Geschichtsdeutung von Amts wegen sind prinzipieller Natur; doch auch in einer Ausnahmesituation wie in den ersten Jahren nach 1989 hätte es Möglichkeiten gegeben, das öffentliche Gespräch über die DDR-Vergangenheit anders als durch den Bundestag zu organisieren. Demokratiepolitisch spricht alles dafür, die Auseinandersetzung mit der Geschichte als Aufgabe der Gesellschaft, nicht des Staates, zu betrachten. Und Skepsis gegenüber einer forschenden Legislative drängt sich auch deshalb auf, weil weder damals Anlass bestand – noch heute besteht –, die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft ernsthaft infrage zu stellen.

Tatsächlich erlebte die historisch-empirische DDR-Forschung Mitte der neunziger Jahre einen Boom, wie es ihn in Bezug auf die Geschichte der westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik niemals gegeben hatte. Auf dem Höhepunkt dieser Konjunktur, die durch Sonderförderprogramme und durch die Einrichtung völlig neuer Forschungszentren (sogar innerhalb der Gauck-Behörde) angeheizt wurde, machte die Zahl von etwa tausend laufenden Projekten zur DDR-Geschichte die Runde. Nicht jede dieser Arbeiten suchte Antworten auf die Fragen eines lesenden Arbeiters respektive Bürgers, manches kam arg kleinteilig daher, und bis heute ist der "gesamtdeutsche" Blick auf die Jahrzehnte gemeinsamer Getrenntheit die seltene Ausnahme. Aber im Ganzen handelte es sich um einen einsamen Rekord: So viel an wissenschaftlicher Durchdringung ihres Gegenstands, jedenfalls in so kurzer Zeit, hatte in den Jahrzehnten zuvor nicht einmal die zeitgeschichtliche NS-Forschung zustande gebracht, die nun auf den Historikertagen entsprechend deutlich ins Hintertreffen geriet.

Doch unbeeindruckt von allem Erreichten, fühlt sich die Politik im Vorfeld der diesjährigen 1989-Feiern zu neuen Anstrengungen berufen. Nicht nur glaubt man, via Bundeszentrale für politische Bildung und Stiftung Aufarbeitung, die 1998 aus der zweiten Enquetekommission hervorgegangen war, mit den Medien konkurrieren zu müssen, die schon dabei sind, einen opulenten Erinnerungstisch zu decken. Spätestens seitdem die von Kulturstaatsminister Bernd Neumann vorbereitete "Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes" Ende vergangenen Jahres im Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, ist eine neue Runde staatlicher Geschichtsbemächtigung eröffnet.

Im Kanzleramt, aber nicht nur dort, ist man der Meinung, "Erinnerungspolitik" machen zu sollen – ja machen zu müssen. Im Zentrum steht dabei der Glaube, auf administrativem Wege Interesse für die "Aufarbeitung im Bereich des SED-Unrechts" herstellen zu können, das "wegen des Zeitablaufs noch nicht angemessen im öffentlichen Bewusstsein verankert" sei. Demgegenüber begreift die neue "Gedenkstättenkonzeption" das Feld der NS-Erinnerung nicht nur als im Grunde arrondiert, sondern es schwingt in ihr nach wie vor der Konkurrenzgedanke mit: die Vorstellung, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit stehe einer stärkeren Beachtung der DDR-Geschichte irgendwie im Wege.

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Mit einem neuen "Geschichtsverbund" plant der Bundeskulturbeauftragte das postulierte Ungleichgewicht zu beheben. Neben der Birthler-Behörde und der Stiftung Aufarbeitung, die seit ihrer Gründung schon mehr als 23 Millionen Euro für Ausstellungen und Publikationen, Konferenzen und Stipendien einsetzen konnte, sollen künftig die Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Museen zur DDR-Geschichte stärker gefördert werden. Erklärtes Ziel der "Gedenkstättenkonzeption" ist es, die "historische Aufarbeitung der kommunistischen Diktatur" als "gesamtdeutsche Aufgabe" auch auf die "westdeutschen Länder" auszudehnen. Solche Formulierungen suchen den enttäuschten Erwartungen von Teilen der Bürgerrechtsbewegung zu entsprechen – und überdehnen damit zugleich doch wohl alle vernünftigen Möglichkeiten.

Unter dem Tugendgebot der Erinnerung scheint weiten Teilen der politischen Klasse jeder Begriff von den Vorzügen einer Geschichtsschreibung, die sich unabhängig von politischen Identitätsstiftungsversuchen und Nützlichkeitserwägungen entfaltet, abhandengekommen zu sein. Wem als Politiker oder als Bürger jedoch daran liegt, dass nicht nur "gedacht und erinnert", sondern gewusst und verstanden wird, der kann sich nicht auf die Frage beschränken, was derzeit allzu oft geschieht, wie viele seiner Zeitgenossen ein historisch gewordenes Ereignis noch erlebt oder nicht mehr erlebt haben. Und dem muss es am Ende nicht bloß darum gehen, Vergangenheit irgendwie "lebendig zu halten" – wohl aber um Chancen, sie sich begreifend anzueignen.

Eine Politik, die dafür realistische Perspektiven eröffnen will, wird das Faktum nicht ignorieren, dass die Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit "jüngster Vergangenheit" in hohem Maße an persönliche Erfahrung oder zumindest familiär tradierte Erinnerung gebunden ist. Aber sie wird sich nicht alleine davon leiten lassen. Für die überwiegende Mehrheit der heute lebenden Deutschen ist die DDR kein Teil ihrer "eigenen" Vergangenheit – und sie wird es auch nicht mehr werden. Das heißt nicht, einer immer wieder irritierenden Ignoranz das Wort zu reden und den oftmals beklagenswerten Mangel an Empathie zu rechtfertigen. Aber es heißt vielleicht, stärker als bisher auf die Reflexion der Erfahrungen von "1989" und der Zeit danach zu setzen: Auch deshalb, weil das "Wir" seitdem in sein Recht gesetzt wurde, mithin eine reale Möglichkeit geworden ist.

Norbert Frei lehrt Neuere und Neueste Geschichte an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und leitet das Jena Center Geschichte des 20. Jahrhunderts. Eine längere Fassung des Beitrags erscheint in diesen Tagen bei dtv in der erweiterten Ausgabe seines Buchs: "1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen"