Hinzu kam, und auch das reflektierte vor allem die westdeutschen Erfahrungen im Umgang mit der NS-Vergangenheit: Die politische Klasse der größer gewordenen Bundesrepublik war bereit, die materiellen Rahmenbedingungen für eine eingehende wissenschaftliche Erforschung der DDR-Geschichte zu gewährleisten. Ja mehr noch, mit Einsetzung der Enquetekommission "Aufarbeitung von Geschichte und Folgen der SED-Diktatur in Deutschland" begab sich der Bundestag im Frühjahr 1992 unter dem Beifall aller Fraktionen, wenn auch gegen den Willen der PDS/Linken Liste, selbst in die Rolle des historischen Erkenntnisstifters.

Drei Jahre später lag ein buchdicker Abschlussbericht vor, dazu Anlagen in 17 weiteren Teilbänden auf mehr als 15.000 Druckseiten. Ungeachtet etlicher Sondervoten vor allem vonseiten der oppositionellen SPD, die das Werk durchzogen und den Eindruck verstärkten, dass hier Geschichte offiziell fixiert worden war, hatte der Bundestag im Sommer 1995 bereits eine weitere Enquete beschlossen. "Überwindung der Folgen der SED-Diktatur im Prozess der deutschen Einheit" lautete, grammatikalisch etwas rätselhaft, ihr Titel.

Auch wer die (selbst-)aufklärerischen Absichten der beiden Großprojekte und die damit wohl erhofften erzieherischen Wirkungen anzuerkennen bereit ist, kommt nicht umhin, einige Fragezeichen hinter die fast sechsjährigen Anstrengungen der Legislative zu machen: Ist es wirklich Aufgabe des Parlaments, Geschichte zu schreiben oder auch nur zu dokumentieren? Was genau war dabei das Erkenntnisziel? Und hatte man mit den raumgreifenden Erkundungen bis hinein in das "Alltagsleben in der DDR" nicht einen Weg eröffnet, der seitdem immer weiter in die Sackgasse staatlich eingehegter "Erinnerungskultur" geführt hat?

Die Zweifel an der Berechtigung einer Geschichtsdeutung von Amts wegen sind prinzipieller Natur; doch auch in einer Ausnahmesituation wie in den ersten Jahren nach 1989 hätte es Möglichkeiten gegeben, das öffentliche Gespräch über die DDR-Vergangenheit anders als durch den Bundestag zu organisieren. Demokratiepolitisch spricht alles dafür, die Auseinandersetzung mit der Geschichte als Aufgabe der Gesellschaft, nicht des Staates, zu betrachten. Und Skepsis gegenüber einer forschenden Legislative drängt sich auch deshalb auf, weil weder damals Anlass bestand – noch heute besteht –, die Leistungsfähigkeit der Wissenschaft ernsthaft infrage zu stellen.

Tatsächlich erlebte die historisch-empirische DDR-Forschung Mitte der neunziger Jahre einen Boom, wie es ihn in Bezug auf die Geschichte der westlichen Besatzungszonen und der frühen Bundesrepublik niemals gegeben hatte. Auf dem Höhepunkt dieser Konjunktur, die durch Sonderförderprogramme und durch die Einrichtung völlig neuer Forschungszentren (sogar innerhalb der Gauck-Behörde) angeheizt wurde, machte die Zahl von etwa tausend laufenden Projekten zur DDR-Geschichte die Runde. Nicht jede dieser Arbeiten suchte Antworten auf die Fragen eines lesenden Arbeiters respektive Bürgers, manches kam arg kleinteilig daher, und bis heute ist der "gesamtdeutsche" Blick auf die Jahrzehnte gemeinsamer Getrenntheit die seltene Ausnahme. Aber im Ganzen handelte es sich um einen einsamen Rekord: So viel an wissenschaftlicher Durchdringung ihres Gegenstands, jedenfalls in so kurzer Zeit, hatte in den Jahrzehnten zuvor nicht einmal die zeitgeschichtliche NS-Forschung zustande gebracht, die nun auf den Historikertagen entsprechend deutlich ins Hintertreffen geriet.

Doch unbeeindruckt von allem Erreichten, fühlt sich die Politik im Vorfeld der diesjährigen 1989-Feiern zu neuen Anstrengungen berufen. Nicht nur glaubt man, via Bundeszentrale für politische Bildung und Stiftung Aufarbeitung, die 1998 aus der zweiten Enquetekommission hervorgegangen war, mit den Medien konkurrieren zu müssen, die schon dabei sind, einen opulenten Erinnerungstisch zu decken. Spätestens seitdem die von Kulturstaatsminister Bernd Neumann vorbereitete "Fortschreibung der Gedenkstättenkonzeption des Bundes" Ende vergangenen Jahres im Bundestag mit großer Mehrheit verabschiedet wurde, ist eine neue Runde staatlicher Geschichtsbemächtigung eröffnet.

Im Kanzleramt, aber nicht nur dort, ist man der Meinung, "Erinnerungspolitik" machen zu sollen – ja machen zu müssen. Im Zentrum steht dabei der Glaube, auf administrativem Wege Interesse für die "Aufarbeitung im Bereich des SED-Unrechts" herstellen zu können, das "wegen des Zeitablaufs noch nicht angemessen im öffentlichen Bewusstsein verankert" sei. Demgegenüber begreift die neue "Gedenkstättenkonzeption" das Feld der NS-Erinnerung nicht nur als im Grunde arrondiert, sondern es schwingt in ihr nach wie vor der Konkurrenzgedanke mit: die Vorstellung, die Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit stehe einer stärkeren Beachtung der DDR-Geschichte irgendwie im Wege.