ZEIT: Hatten Sie Angst, den Boden zu verlieren?

Schellnhuber: Die letzten zwei Jahre vor dem Abitur waren phasenweise kritisch. Damals habe ich Kant, Einstein und Marx gleichzeitig gelesen, es war eine Phase, in der ich dachte, zu schlafen sei völlige Zeitverschwendung. Ich hatte das Gefühl, mich in eine hundertprozentige intellektuelle Waffe verwandeln zu können. Dabei schoss ich übers Ziel hinaus, und kurze Zeit stand meine seelische Gesundheit auf dem Spiel. Es war mir eine Lehre bis heute: Der Körper und der Geist brauchen Phasen des wohltätigen Leerlaufs.

ZEIT: Welche Umweltsünden begehen Sie heute selber?

Schellnhuber: Ich fliege viel. Sonst benehme ich mich ordentlich, denke ich. Aber das muss ich mir zum Vorwurf machen: Wir haben in unserem Institut bisher zu wenig auf die Möglichkeiten von Videokonferenzen gesetzt. Jetzt holen wir das nach, aber viel zu spät. In neun von zehn Fällen muss man nicht den Körper zu einer Veranstaltung bewegen, um erfolgreich zu arbeiten.

ZEIT: Es gibt Stimmen, die sagen, die derzeitige Lage der Weltwirtschaft sei wegen der geschrumpften Produktion gut für das Weltklima.

Schellnhuber: Da ist etwas dran. Allein der Rückgang des Energieverbrauchs wird eine deutliche Wirkung zeigen. Aber es wäre fatal, zu denken, dies sei ausreichend und man könne sich deswegen zurücklehnen. Sehr wohl könnte man jedoch diese Reduzierung der CO 2 -Emissionen als eine Art Rückenwind nutzen für die dringend nötigen Klimaschutzmaßnahmen. Die Ziele erscheinen dadurch leichter realisierbar.

ZEIT: Glauben Sie, dass Barack Obama den Ernst der Lage begriffen hat?

Schellnhuber: Da bin ich mir ganz sicher. Deutlichstes Indiz ist die Ernennung des Nobelpreisträgers Steven Chu zum Energieminister – wir sind übrigens Kollegen in der Physiksektion der US-Nationalakademie. Obama hat auch andere Schlüsselstellen seiner Regierung mit Topleuten besetzt, die seit Jahren auf die Klimaproblematik hinweisen. Was da gerade in den USA passiert, ist die Neubestimmung der Beziehung zwischen Politik und Wissenschaft. Der Präsident, ein Harvard-Absolvent, hat neulich gesagt, er werde der Wissenschaft auch und gerade dann zuhören, wenn sie unbequeme Wahrheiten anbietet. Chapeau!

ZEIT: Damit hat sein Minister Steven Chu schon angefangen. In einem Interview vor einigen Tagen sagte er, dass Los Angeles und San Francisco wegen der steigenden Hitze und des Wassermangels bis zum Ende dieses Jahrhunderts unbewohnbar sein würden, wenn nicht massive Gegenmaßnahmen eingeleitet würden. Und er sagte auch noch, er habe nicht den Eindruck, dass Amerika dies schon begriffen habe.

Schellnhuber: Er hat völlig recht, leider.

ZEIT: Wann wechseln Sie in die Politik?

Schellnhuber: Überhaupt nicht. Es sei denn, ich bekäme eine Position angeboten, wo man so viel Sinnvolles bewirken könnte, dass eine Ablehnung schier unverantwortlich wäre. Dann würde ich allerdings zum Selbstmitleidsfall im Sinne meiner obigen Antwort.

Immer wieder betont Schellnhuber, wie sehr er die Wissenschaftler für die Elite hält. Barack Obama verdiene schon wegen seines Harvard-Abschlusses Respekt. Und von George W. Bush halte er auch deshalb merklich weniger, weil dessen wissenschaftlicher Chefberater eher eine unbedeutende Nummer in der Welt der Forscher gewesen sei. Politiker gehören in der Regel für ihn nicht zu dieser Elite, aber es gibt einen prominenten Mann, einen Fast-Politiker sozusagen, den er sehr schätzt: Prinz Charles. Der britische Thronfolger wird in den nächsten Wochen zu Besuch nach Potsdam kommen. Prinz Charles habe die Bedrohlichkeit des Themas Klimawandel durch und durch verstanden, meint Schellnhuber, nicht nur, weil er als Umweltschützer und grüner Unternehmer erfolgreich sei, sondern weil er die globalen Zusammenhänge begriffen habe. Außerdem liebt Schellnhuber den Humor des Briten, auch wenn der gelegentlich von seinen Landsleuten belächelt werde, weil er angeblich mit seinen Pflanzen rede. Ja, meinte Prinz Charles unlängst gegenüber Schellnhuber trocken, aus diesem Grund wisse er auch so genau über die Probleme der Pflanzen Bescheid.

ZEIT: Wir reden von Europa und den USA. Aber was nützt das alles, wenn allein in Peking jeden Tag 1500 Autos neu zugelassen werden?