Die alten Ägypter glaubten nicht an eine ewige Dauer des Kosmos. Sie sahen eine Zeit kommen, da der Schöpfer seiner Schöpfung müde würde und zusammen mit ihr ins Nichts zurücksänke, danach begänne der Schöpfungszyklus von vorn. Für die Ägypter fiel das Ende der Menschheitsgeschichte mit dem Anfang zusammen, und wem dieser kreative Moment schwer vorstellbar erscheint, der kann ihn jetzt im Ägyptischen Hof des Neuen Museums erleben. Inmitten eines leeren Raumes, in einem ebenerdigen Geviert voll Getreide, liegt wie in einer Grabstelle ein Menschenpaar. Langsam sinkt es in die Tiefe, in den Staub der Zeit. Von einer Balustrade herab sieht das Publikum zu, wie Arme und Beine, die Leiber, schließlich die Gesichter verschwinden. Man hört das Rieseln der Getreidekörner und verwirbelte Streicherklänge. Man versucht die uralten verwischten Nillandschaften an den Wänden ringsum zu erkennen und bemerkt irgendwann, dass die Versinkenden da unten sich in Auftauchende verwandelt haben. Ihre Umarmung ist ein ergreifendes Sinnbild des menschlichen Werdens und Vergehens. Es beschreibt auch die Geschichte des Museums, das jetzt seine grandiose Neuerschaffung durchläuft.

Wir sehen starre Statuen, die plötzlich zu tanzen beginnen

Wie eröffnet man ein Haus, das eigentlich Ruine bleiben sollte? Wie feiert man die Auferstehung eines zerbombten Bauwerks, das einst der Stolz der deutschen Kulturnation war, aber dann zum Menetekel deutscher Zerstörungswut wurde? Nach dem Zweiten Weltkrieg, als in Berlins Mitte die Museumsinsel zertrümmert lag, revidierten viele Künstler ihr Verhältnis zum Erbe. Sie sahen den Geschichtsverlauf als ein Ineinander von Kultur und Barbarei, das allen bisherigen Fortschrittshoffnungen hohnsprach. Germania. Tod in Berlin nannte Heiner Müller eines seiner zivilisationskritischen Historiendramen und proklamierte: "Der Terror, von dem ich schreibe, kommt aus Deutschland." An diese Trümmerstimmung knüpft nun Sasha Waltz mit ihrer choreografischen Ausstellung für 24 Säle, vier Stockwerke und ein Treppenhaus an, aber sie überwindet das Thema Deutschland auch, indem sie weiträumiger denkt. Statt sich an unserem sogenannten Untergang zu berauschen, erforscht Sasha Waltz mythische Geschichtsmodelle, die der Architektur des Museums eingeschrieben sind, diesem Labyrinth aus ägyptischen, griechischen, römischen, germanischen Abteilungen. Indem ihr Ensemble sich tanzend in die unterschiedlichen Traditionen vertieft, findet es zeitlos schöne Körperbilder für die Grundzüge des Menschlichen – für Schmerz und Freude, Todesangst und Lebenslust, für das Schöpferische ebenso wie für das Zerstörerische unserer Existenz.

Sie habe gerade an diesem Ort kein Spektakel, sondern ein leises Stück, eine Innenschau inszenieren wollen, sagt die bescheidenste moderne Tanzmeisterin dieses Landes, und es ist ihr tatsächlich gelungen. Am eindrucksvollsten sind die Statuen, die reglos auf den schmalen Gesimsen des Mythologischen Saals verharren, bevor sie fremdartig-vertraute Posen einnehmen. Was wir bisher nur in Stein, von Wandmalereien, von antiken Vasen kannten, wird plötzlich lebendig: die priesterliche Haltung und die Drohgebärde, der Mensch als Fabelwesen mit flatternden Händen und das geheimnisvolle Handzeichen der vor dem Auge gespreizten Finger. Sasha Waltz’ Stärke als Bewegungsforscherin ist, dass sie vorgefundenes Material nicht illustrativ einsetzt, sondern zur Erweiterung ihrer bewährten Gruppenbilder nutzt. Dadurch findet sie einen freien Umgang mit dem unheimlichen Motiv der Statuenbelebung, das mal ins Erhabene, mal ins Heitere gewendet wird. Die lebendigen Statuen begegnen uns im Museum immer wieder. Sie treten hinter bröckelnden Säulen hervor. Sie balancieren durchs Treppenhaus. Sie stehen in schwindelnder Höhe auf dem Mauervorsprung des Griechischen Hofes, unterm berühmten Relief vom Untergang Pompejis, und stellen mit wenigen konzentrierten Bewegungen ihr eigenes Weltenbrandpanorama dar – unter sich das bedrohliche Tosen, Sirren, Summen, Brummen, Dröhnen des beweglichen Orchesters.