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Wenn das hier langweilig wird, geh ich gleich wieder", sagt eine Frau zu ihrer Kollegin beim Betreten des Versammlungsraumes im ersten Stock des Berliner Verlags. Die beiden warten wie Hunderte andere Mitarbeiter auf die neuen Chefs, die sich an diesem Dienstagmorgen der Belegschaft vorstellen wollen. Fünf Herren nehmen dann um zehn Uhr ihre Plätze auf dem Podium ein – und enttäuschen die Mitarbeiterinnen nicht. Alfred Neven DuMont, bald 82-jähriger Aufsichtsratschef der Mediengruppe DuMont aus Köln, die den Berliner Verlag mit Sitz am Alexanderplatz einer britischen Investorengruppe abgekauft hat, setzt gleich zu einer Charme-Offensive an.

"Heute sind wir endlich zusammen", umwirbt er die Journalisten und Verlagsmitarbeiter, die ihren vierten Eigentümer nach dem Mauerfall begrüßen können. "Wir waren wie Braut und Bräutigam, die sich vor der Hochzeit nicht sehen durften", malt der Verleger das Bild weiter aus – und kommt damit gut an. Auf dem Podium sitzen neben dem Grandseigneur dessen Sohn Konstantin, 39, und Neffe Christian DuMont Schütte, 52. Die beiden sind seit Kurzem Vorstände einer Holding, zu der nun auch die für 152 Millionen Euro zugekauften Verlage in Berlin ( Berliner Zeitung, Berliner Kurier ) und Hamburg ( Hamburger Morgenpost ) gehören. Sie sprechen über den "Rohdiamanten" Berliner Verlag und über Journalisten als Wachhunde der Demokratie. An den Esprit und das Charisma des Alten reichen sie nicht heran.

Die Beteiligungen des DuMont-Verlages. Um die Grafik zu öffnen, klicken Sie bitte auf das Bild © ZEIT Grafik/​Quelle: Eigene Recherchen

Neven DuMont senior ist im Rheinland eine große Nummer. Mit den Zeitungen Kölner Stadt-Anzeiger und Kölnische Rundschau sowie dem Boulevardblatt Express dominiert der Verlag das klassische Mediengeschäft der Domstadt. Mit 1,27 Millionen verkauften Exemplaren täglich wird DuMont nun der drittgrößte Zeitungsverlag in Deutschland nach der Axel Springer AG und der SWMH-Holding ( Süddeutsche Zeitung , Stuttgarter Zeitung), noch vor der Essener WAZ-Gruppe.

Die Zeitungsbranche tut sich schwer. Die Auflagen erodieren. Die Werbung bricht ein wie nie zuvor. Dabei spielt das Internet eine Rolle, das einen großen Teil des Geschäftes mit Rubrikenanzeigen etwa für Immobilien oder Stellenangebote abfängt, aber auch die Finanzkrise, denn Banken und Autofirmen schalten weniger Werbung. Da wirkt es auf viele ermutigend, wenn ein 200 Jahre alter Verlag Vertrauen in das Medium beweist.

2006 übernahmen die Kölner schon 50 Prozent an der finanziell angeschlagenen Frankfurter Rundschau für 35 Millionen Euro. Interesse zeigte der Verlag auch am Kauf der Süddeutschen und des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlags.

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"Wir müssen den Kampf um den Erhalt des gedruckten Wortes weiterkämpfen!", ruft der Verleger seinen neuen Mitarbeitern zu. Neven DuMont gilt, auch wenn er sich längst nicht mehr täglich von seinem Haus im Kölner Königsforst ins Büro fahren lässt, als der Kopf hinter der Strategie des Medienkonzerns. Sein langjähriger Kompagnon Dieter Schütte, 85, der 1950 in die Familie einheiratete, zog sich vor sieben Jahren aus dem Geschäft zurück und übertrug seinen Anteil von 50 Prozent am Unternehmen auf den Sohn Christian.

Szenenwechsel. Amsterdamer Straße, Köln-Niehl, das lichtdurchflutete Büro von Konstantin Neven DuMont. "Es wird immer geschrieben, mein Vater sei der große Patriarch", sagt der Jungverleger. "Er lässt uns aber schon eine große Freiheit in unternehmerischen Entscheidungen. Sonst hätten mein Vetter und ich den Job nicht machen können und wollen." Christian DuMont Schütte kümmert sich um die Beteiligungen, zu denen Anzeigenblätter, der DuMont Buchverlag, der Bundesanzeiger für amtliche Bekanntmachungen, Radio- und TV-Sender und Internetfirmen gehören. Für Redaktionelles ist Konstantin verantwortlich, der Journalismus in den USA studiert hat und mehr, wie er selbst sagt, "aus der kreativen Ecke" kommt.

Doch ob die beiden Junioren, wie sie im Haus genannt werden, es auch wirklich "können"? "Der Verlag steht vor einem Generationswechsel", sagt Claus Larass, ehemals Vizechef bei Springer und Ex-Aufsichtsrat von DuMont. Der langjährige Geschäftsführer Heinz Kiegeland wird künftig nur noch als Berater tätig sein und für eine Übergangszeit die Geschäftsführung beim Berliner Verlag übernehmen. Neben Vorstand Eberhard Klein, der für die Finanzen verantwortlich ist, war Kiegeland die entscheidende Figur im operativen Geschäft.

Wie die Zukäufe in die Gruppe integriert werden, mochten die Kölner nicht sagen. Man wolle mit "Maß und Umsicht" vorgehen und die Unabhängigkeit der Zeitungen nicht infrage stellen. "Im Dialog" mit den Mitarbeitern werde man die nächsten Schritte "definieren", sagt Christian DuMont Schütte. Ursprünglich planten die Rheinländer, auch wenn sie das nicht bestätigen, die Fusion der Redaktionen von Frankfurter Rundschau und Berliner Zeitung . Das wurde verworfen. Vorerst behält jede Zeitung ihre Eigenständigkeit. Konstantin Neven DuMont: "Wir glauben nicht daran, dass man von einem Newsdesk aus zwei Zeitungen in völlig unterschiedlichen Regionen bedienen kann."

"Redaktionelle Synergien sind Kleingeld. DuMont wird Verlagseinheiten zusammenlegen und gleichzeitig investieren müssen", sagt Michael Grabner, ehemals Vizechef der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck, zu der die ZEIT gehört. "Das wird nicht einfach, zumal die inhaltlichen Zeitungsformate unterschiedlich und die Standorte getrennt sind." Holtzbrinck war mal Eigentümer des Berliner Verlags, musste das Unternehmen aber wegen einer Untersagung des Kartellamts wieder verkaufen. Die Übernahme durch DuMont wird von Experten begrüßt. Unternehmensberater Alexander Mogg von Roland Berger Strategy Consultants sagt: "Zeitungsgruppen können helfen, einzelne Objekte inhaltlich zu stärken." Eine Konsolidierung der Presselandschaft sei "überfällig". Über Skaleneffekte beim Druck, Vertrieb und Anzeigenverkauf sollen Umsatzverluste wieder wettgemacht werden.

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Man müsse an das Geschäftsmodell des regionalen Zeitungshauses "ganz oder gar nicht glauben", sagt Konstantin Neven DuMont. "Ich bin Treiber dieses Wachstums. Wir müssen das machen, um zu überleben." Das sehen die Kölner ähnlich wie die Verlagsgruppe Madsack aus Hannover, die der Axel Springer AG gerade ein Paket von Zeitungsbeteiligungen für 310 Millionen Euro abgekauft hat.

Manches ging in Köln daneben. Der insolvente Postzusteller PIN West Mail musste 2007 mit 10,6 Millionen Euro abgeschrieben werden. Die Filmproduktionsfirma APM verlor Millionen. Die Kompaktzeitung Direkt floppte. "Wenn man viel ausprobiert, gehen auch Dinge schief", sagt Konstantin Neven DuMont. Bis 2013 will der Verlegerspross ein Viertel der Umsätze mit digitalen Medien erzielen. In der Tochter DuMont Net wird die Entwicklung der Zeitungswebsites vorangetrieben. DuMont Venture bündelt Beteiligungen an Online-Unternehmen wie radio.de, jobtv24.de und dem Suchportal oneview. Daneben hält man mehr als ein Drittel an dem Online-Rubrikenmarkt kalaydo.de und mischt mit diskret.de im lukrativen Sexgeschäft im Netz mit.

Düster sah es für die Rheinländer 2002 aus, als ein Minus von 20,7 Millionen Euro in der Bilanz stand. Damals lag der Umsatz der Gruppe bei 547 Millionen Euro. In fünf Jahren stieg er dank Zukäufen auf 626 Millionen, der Überschuss betrug 2007 gut 9 Millionen. Sparrunden gehören zum Geschäftsprinzip – vor zehn Jahren arbeiteten 3800 Mitarbeiter für den Konzern, heute sind es 3500. Bisher kamen die Kölner ohne betriebsbedingte Kündigungen aus.

Die Frankfurter Rundschau ist ein Sorgenkind, ihr Minus lag 2007 bei 16 Millionen Euro. Rigides Kostenmanagement sollte die schwarze Null bis Ende 2008 bringen. Das Ziel wurde auf 2010 verschoben.

Wie DuMont die Zukäufe finanziert, mögen die Gesellschafter nicht verraten. Es ist aber wahrscheinlich, dass neben Krediten große Summen aus den Privatvermögen geflossen sind. Die Familien Neven DuMont und Schütte werden vom manager magazin jeweils auf 650 Millionen Euro Vermögen taxiert. 35 Prozent am Berliner Verlag, also rund 50 Millionen Euro, schultert DuMonts Geschäftspartner Helmut Heinen, dem man vor Jahren die Titelrechte an der Kölnischen Rundschau abkaufte.