Ich würde mich nicht als leichtfertigen Menschen betrachten, ich gehe nur nicht gleich vom Schlimmsten aus. Beinahe-Abstürze, Notlandungen, gigantische Luftlöcher? Hätte ich in der Luft jemals um mein Leben bangen müssen, würde ich überhaupt nicht mehr fliegen, ohne Kind nicht und mit Kind erst recht nicht.

Meine Sorgen waren viel alltäglicher, als ich an einem apokalyptisch grauen Januarmorgen mit meiner neun Monate alten Tochter zum Flughafen Berlin-Schönefeld aufbrach. Was passiert, wenn das Mädchen Ohrenschmerzen bekommt, kleine Kinder haben oft Schwierigkeiten mit dem Druckausgleich? Was, wenn sie sich fürchtet? Ich hatte schon oft Babys an Bord jämmerlich weinen gehört und Passagiere gesehen, die die Eltern deshalb am liebsten gesteinigt hätten. Und der Kinderwagen? Ein Fall für den Sperrgutschalter? Würde das Babyessen wie eine verbotene Flüssigkeit behandelt oder wie ein Arzneimittel? Medikamente darf man, wenn man ein Zertifikat vom Arzt dabei hat, auch in größeren Mengen im Handgepäck mitführen. Nur wer sollte mir bescheinigen, dass meine Tochter mittags 190 Gramm Karotten mit Kartoffeln und Bio-Rind braucht? Dass sie dazu noch einmal 200 Gramm Wasser trinkt? Unsere Kinderärztin fühlte sich nicht zuständig. "Jute Frau, man kann allet ooch übertreiben", fand sie.

Dennoch wurde ich nach unserem Urlaub angeschaut, als hätte ich mein Kind dem sicheren Tod ausgeliefert. Was, ihr seid mit der Kleinen geflogen? Das ist doch irre gefährlich! Natürlich ist es eine furchtbare Vorstellung, sein Kind verletzt oder gar tot von Bord zu tragen. Umso schlimmer, wenn man dann noch liest, dass der neuerdings vorgeschriebene Loop-Belt für Kinder nur bei leichten Unfällen schütze und im schlimmsten Fall sogar selbst ins Fleisch schneide. Aus alldem formt sich ein Schreckensbild, das man so schnell nicht mehr aus dem Kopf bekommt. Aber große Angst bedeutet nicht immer auch große Gefahr. In Europa ist, soweit bekannt, in den letzten zehn Jahren kein einziges Kind in einem Schlaufengurt auf dem Schoß der Eltern zu Schaden gekommen. Dass es passieren kann, hat der TÜV Rheinland im Crashtest bewiesen. Doch nachgestellt wurde dort der Extremfall: eine Notlandung mit Zusammenstoß. Wie viele Erwachsene hätten den unversehrt überstanden?

Ich habe Angst um meine Tochter, wenn ich mit ihr im Auto sitze. Mehr als 18000 Kinder sterben in Europa pro Jahr im Straßenverkehr. Doch das Autofahren ist so sehr Inbegriff unserer Mobilität, dass die meisten Eltern das Risiko sogar mehrmals täglich eingehen – weil sie glauben, keine Wahl zu haben oder am Steuer Herr der Lage zu sein. In der Luft dagegen fühlen sie sich ausgeliefert. Wenn dort etwas passieren sollte, muss jemand anderes schuld sein.

Die Fluggesellschaften hüten sich zu widersprechen, wenn die Forderung nach einer Kindersitzplicht für mitreisende Kinder laut wird. Sie sagen nicht, dass sie bis jetzt noch jedes Baby sicher befördert haben, weil man ihnen das "bis jetzt" als Zynismus auslegen könnte. Angst macht ungerecht. Die EU müht sich, mit einer einheitlichen Regelung das Fliegen für alle sicherer zu machen – und wird als ein Haufen kinderfeindlicher Betonköpfe hingestellt. Den Fluggesellschaften hält man vor, aus Geiz Kinderleben zu riskieren. Aber wenn es wirklich nur ums Geld ginge, freuten die Airlines sich doch am meisten über ein Gesetz, das Kindersitze zur Pflicht macht. Dann könnten sie künftig jedem kleinen Passagier einen eigenen Platz verkaufen.