Ist das die Zukunft – oder sind es die Ruinen von morgen? Gurgaon, die Satellitenstadt von Delhi, ist eine Science-Fiction-Landschaft aus Glas und Beton. Als würde man nicht mit dem Auto, sondern in einer Zeitmaschine hierherkommen, aus dem Menschengewühl in der Altstadt oder von den britisch-imperialen Herrschaftsbauten und den säulengeschmückten Bungalows im Regierungssitz Neu-Delhi. Mit seinen Büroblöcken, aus denen Konzerne von General Electric bis PepsiCo ihr Indiengeschäft steuern und von wo Amazon seinen Buchversand managt, mit seinen Shoppingmalls und Komfort-Wohnanlagen ist Gurgaon das steingewordene indische Wirtschaftswunder, das Wahrzeichen eines Landes, das in den vergangenen Jahren fast chinesische Wachstumsraten erzielt hat. Gurgaon ist auch seelenlos, ein kulturelles Niemandsland, in dem Callcenteragenten, die sich am Telefon für ihre amerikanischen Kunden Sam oder Eliza nennen, in ihrer Freizeit die Wahl zwischen Pizza Hut und dem Multiplex-Kino haben. Und Gurgaon, das ganze Indien, für das Gurgaon steht, ist verwundbar – das ultimative Boom-Gewächs im Augenblick des Wetterumschlags, im Moment, da eine globale Wirtschaftskrise die Stärke der chinesischen, russischen oder indischen Aufsteigermächte nicht weniger testet als die Kräfte des Westens.

Der Boom, sagen Vivek Menon und Pankaj Renjhen von der Immobilienfirma Jones Lang LaSalle Meghraj, Global Business Park, Turm A, 9. Stock, der Boom war verrückt, die Blase musste platzen. Von 2001 bis 2007 haben sich die Mieten pro Quadratmeter in Gurgaon verdreifacht, mit den Gehältern war es kaum anders. Es wäre zu viel gesagt, dass die beiden jetzt erleichtert klingen, aber doch überraschend entspannt. Sie hoffen, in ihrer Firma ohne größere Entlassungen auszukommen, mit Sparen und Effizienzsteigerung. Es herrscht ein Grundvertrauen, dass die neue Mittelschicht, die Makler, Software-Ingenieure und Stewardessen in den privaten Fluglinien, es schaffen wird, individuell und als gesellschaftliche Kraft, die das künftige Indien verkörpert. Die über 30-Jährigen, die jungen Eltern, seien im Boom nicht durchgedreht – anspruchsvoll, aber immer noch sparsam. Die indische Großfamilie, das soziale Sicherheitsnetz in einer Gesellschaft mit schwachem Wohlfahrtsstaat, funktioniert noch. Es ist keine Schande, in ihren Schoß zurückzufallen, sogar wieder zu den Eltern zu ziehen.

Anders, das sagen Menon und Renjhen auch, ist es bei den ganz Jungen, in den Zwanzigern, die nichts als den Aufschwung gekannt haben und kulturell entwurzelt sind. Da gibt es den Angestellten, der sich von seinem ersten Gehalt als erste Anschaffung einen riesigen Plasmabildschirm gekauft und in seine leere Wohnung gestellt hat. Deepti Dang von der Computerfirma Hewlett-Packard im Büroturm nebenan wundert sich über das Publikum der golden halls, der Erster-Klasse-Säle in den Großkinos von Gurgaon: 20 Plätze, riesige Sessel, aus denen man den Film im Liegen betrachtet, 1000 Rupien (20 US-Dollar) pro Ticket – und der Saal ist ausverkauft. Da ist eine quasi amerikanische Konsum- und Kreditkartenkultur schon ziemlich weit vorgedrungen. Hätte der Boom zehn Jahre länger gedauert, wäre der Einbruch zehn Jahre später gekommen, dann würde er ein Land mit geringerer Widerstandskraft treffen.

Es ist seltsam, in den Kapitalismus-Tempeln von Gurgaon ein Heimweh nach der Welt vor dem Kapitalismus zu hören. Die Erleichterung, dass es das alte Indien noch gibt – die Familie, sogar die Reste der Staatswirtschaft, die von aufgeklärten Bürokraten nach dem Ende der britischen Herrschaft 1947 eingeführt und durch eine marktfreundliche Reformpolitik seit Anfang der neunziger Jahre nur teilweise abgeschafft wurde. Pankaj Renjhen hat sich über seinen Vater immer lustig gemacht, weil der sein Konto bei der trägen und unfreundlichen "Staatsbank von Indien" behielt; der Sohn ging natürlich zu einem schicken privaten Geldinstitut. Er würde es heute nicht mehr tun. Bei den Absolventen der Indian Institutes of Management, der Elite-Wirtschaftshochschulen des Landes, sind die öffentlichen Unternehmen trotz ihrer mageren Bezahlung als Arbeitgeber wieder beliebt. Indien, das anders als China nie seine gesamten Kräfte für den ganz großen Sprung nach vorn mobilisiert, das immer irgendwie an seine Vergangenheit und seine tausend Kompliziertheiten gefesselt bleibt, dieses Indien ist auch das Land, das nie alles auf eine Karte setzt. Nicht einmal auf den Kapitalismus.

Die große Frage, vor der Indien steht, ist nicht die Wirtschaftskrise. Die große Frage ist politisch und sozial – nicht ob das Gurgaon-Indien weiterblüht, sondern was aus Rest-Indien wird, aus den 70 Prozent der Bürger, die immer noch auf dem Land leben, aus den mehr als 50 Prozent, die in einer Stadt wie Mumbai in Slums oder vollkommen heruntergekommenen Blöcken wohnen. Indien hat einen globalen Hype um seine Supermacht-Zukunft genossen, sich als "größte Demokratie der Welt" feiern lassen, als das andere, gute Asien (im Gegensatz zur chinesischen Parteidiktatur). Es hat einen gigantischen Imagewechsel bewerkstelligt: "Der Inder", den die Welt vor Augen hat, ist kein hungriges Kind und kein barfüßiger Guru mehr, sondern Programmierer – oder Bollywood-Star. Doch der Staat und die Bürgergesellschaft haben nicht mitgeboomt, nicht die vielfach korrupte Verwaltung und Justiz, nicht die marode Infrastruktur, nicht die öffentlichen Schulen und Krankenhäuser.

Im April und Mai, auf fünf Termine verteilt, finden im Riesenland Parlamentswahlen statt – aber die politische Desillusionierung und der Zynismus sind im Bürgertum der "größten Demokratie der Welt" extrem. Anderswo gehen die Reichen und Gebildeten am fleißigsten wählen, in Indien ist es umgekehrt: Die Wohlhabenden, und gerade die neue Mittelschicht, sind radikal entpolitisiert. Sie brauchen den Staat auch am wenigsten; jeder Bürobau in Gurgaon etwa hat eine komplette eigene Elektrizitätsversorgung, hundertprozentige Notfallsicherung, und ist damit immun gegen die ständigen Stromausfälle. Das war der besondere Schock durch die Terroranschläge auf die Luxushotels in Mumbai im vergangenen November: dass sie diese geschützte, abgekoppelte Sonderwelt aufbrachen. Auf einmal wurde den Privilegierten bewusst, dass sie doch einen funktionierenden Staat nötig haben: Polizei, Rettungsdienste, einen Küstenschutz, der die aus Pakistan von See her eindringenden Attentäter hätte abfangen können. Seit diesem Augenblick der Verunsicherung hängt eine Wolke verstörender, bedrohlicher Fragen über Indien: ob man nicht das Bürger-Sein ernster nehmen und sich sogar politisch engagieren müsste, ob in der dramatischen sozialen Ungleichheit eine revolutionäre Situation lauert, was das Land eigentlich zusammenhält.