Aaaha, da haben wir ihn also. Den aktuellen Bösewicht Nummer zwei. Den Hedgefondsmanager. Auf der Skala der Verachtung gleich hinter Osama bin Laden.

Auf die Idee, einen Hedgefondsmanager auf 500 Seiten Belletristik sein Unwesen treiben zu lassen, kam die Amerikanerin Candace Bushnell. Manche Autoren werden ja vom Bestsellererfolg ein bisschen versaut. Candace Bushnell nicht. Langsam, aber sicher schreibt sie sich vom Klatschroman zum ernsthaften Gesellschaftsroman hoch. Bald erreicht sie die Liga des Fegefeuers der Eitelkeiten. Außerdem ist Candace Bushnell die Frau, die immer im richtigen Moment die richtige Zeitgeistidee hat, denn sie ist die Erfinderin von Sex And The City. Dankbar nimmt man zur Kenntnis, dass sie sich für den Topos Sex immer weniger interessiert. Dafür immer mehr für den Topos City, das heißt für Milieu- und Gesellschaftskunde.

Das Grundmuster ihres neuen Romans ist ein Klassiker: eine sozial durchhierarchisierte Hausgemeinschaft. Ort der Handlung ist ein New Yorker Wohnhaus. Aber nicht irgendeins, sondern das Haus mit der exklusivsten Adresse der Stadt, One Fifth Avenue (Roman, aus dem Englischen von Friederike Meltendorf; DuMont Verlag, Köln 2009; 510 S., 19,90 €). Wer dort lebt, gehört zum Establishment der Schönen, Reichen, Mächtigen. Nur eben nicht in gleicher, sondern von unten nach oben gestaffelter Position. Die Stockwerke von One Fifth Avenue spiegeln erbarmungslos Rang und Aktienbesitz der Bewohner. Ganz unten wohnt beispielsweise Mindy, eine vor Aufsteigerdrang verhärmte Verlagsangestellte mit ihrem Schriftstellergatten. Die beiden können sich mit Ach und Krach die Adresse leisten, aber im Haus selbst nicht mehr als ein paar düstere umgebaute Dienstbotenzimmer. Im neunten Stock wohnt der Filmstar Charlene Diamond. Im dreizehnten Stock der Drehbuchautor Philip. Und so geht es eben hinauf bis zum Penthouse. Dieses umfasst ein paar Hundert Quadratmeter, im Zentrum einen regelrechten Ballsaal, und ist mit drei eigenen Stockwerken im Grunde ein Haus für sich. Dort zieht, wer sonst?, unser Hedgefondsmanager ein. Er heißt Paul. Mindy kommt um vor Hass und Neid. Es folgen Intrigen und Amouren in reicher Zahl. Die schiere Menge der Romanhandlung ist hier überhaupt nicht darstellbar. Es ist viel Kolportage dabei, keine Frage. Nur gelingt es Candace Bushnell trotz Kolportage, die unmerklichen Vorzeichen und Vorgeräusche der Krise spürbar zu machen.

Insofern ist das Schicksal des Hedgefondsmanagers romanentscheidend. Ganz einfach: Paul erstickt buchstäblich an sich selbst und seiner Gier. Für den Schnäppchenpreis von 17 Millionen Dollar kauft er eine Jacht, geht Tiefseetauchen, obwohl er keine Ahnung davon hat und außerdem viel Alkohol im Blut. Als Leiche taucht er wieder auf. Man weiß ja, dass Hedgefondsmanager, metaphorisch gesehen, Haie sind. Und hier ist einer sein eigener Hai. Nicht schlecht gedacht.

Nächste Woche erscheint an dieser Stelle die Kolumne »Kriminalroman« von Tobias Gohlis