Endlich einmal eine große Rede des Bundespräsidenten. Am Ende stand das Publikum auf und applaudierte! Wann hat Horst Köhler das zuletzt erlebt?

Es war die Rede, auf die viele gewartet hatten: die vierte »Berliner Rede«, die zur Finanz- und Wirtschaftskrise. Und nicht einmal seine zahlreichen Widersacher in der politischen Klasse bestreiten, dass der ehemalige Staatssekretär im Finanzministerium, der Kohl-Sherpa für die G7-Gipfel, der einstige Sparkassenpräsident, Chef der Osteuropabank und des Internationalen Währungsfonds, davon etwas versteht.

Nicht dass Köhler bisher zur Krise geschwiegen hätte. In mehreren Interviews hatte er das »Monster« der Finanzmärkte beschworen und die »Exzesse« der Banker gegeißelt. Aber die zusammenhängende Analyse, die Antwort auf die Frage nach den Ursachen und nach möglichen Lösungen – die war der Weltökonom Köhler schuldig geblieben. In der Berliner Elisabethkirche hat er sie am Dienstag dieser Woche gegeben.

Er las den Bankern (die er in besseren Zeiten wohl lieber Bankiers genannt hätte) die Leviten, hielt ihnen vor, Freiheit sei »kein Vorrecht, die besten Plätze für sich selbst zu reservieren«. In den »sogenannten Investmentbanken« seien Solidität und Anstand verloren gegangen. »Bis heute warten wir auf eine angemessene Selbstkritik der Verantwortlichen. Von einer angemessenen Selbstbeteiligung für den angerichteten Schaden ganz zu schweigen.«

Da gab es Beifall. Aber war dies nur wohlfeiles Banker-Bashing, der berüchtigte Köhlersche Populismus, der sonst die Politiker trifft?

In der Elisabethkirche stärkte Köhler der Politik jedenfalls demonstrativ den Rücken. Er forderte einen starken Staat, »der dem Markt Regeln setzt und für ihre Durchsetzung sorgt«. Der vermeintliche Marktradikale Köhler hat dies übrigens auch früher schon gesagt, nur ging das in seinen Tiraden über den Reformstau in Deutschland lange unter.

Die Große Koalition kann mit dem Anwalt des starken Staats im Schloss Bellevue gut leben. Ob Opel-Hilfe oder Verstaatlichung der Hypo Real Estate: Von dem Marktwirtschaftler Köhler wird es keinen ordnungspolitisch begründeten Einspruch geben. Er wird das Gesetz, das eine Enteignung der HRE erlaubt, wohl gegenzeichnen – im Unterschied zu anderen Gesetzen, denen er seine Unterschrift verweigerte. Peer Steinbrück saß in der Elisabethkirche in der ersten Reihe und sah aus, als höre er die Rede gern.