Fast zwei Milliarden Euro hat das Emirat Abu Dhabi dem Kassenwart von Daimler überwiesen. Damit sorgt es für strahlende Gesichter in Stuttgart. Besonders interessiert seien die Geldgeber an Projekten zu alternativen Antrieben und neuen Werkstoffen, hieß es bei der Bekanntgabe des überraschenden Deals. Kommt beim ältesten deutschen Autobauer jetzt der große Schwenk hin zum Elektroauto, weg von den CO₂-Schleudern?

Zu früh gefreut. Die Araber investieren einfach, und dafür erhöht Daimler das Kapital. In der Entwicklungsabteilung ändert sich dadurch vorerst gar nichts. Das bestätigt auch Abu Dhabis Emissär Khadem Al Qubaisi, der am liebsten einen schluckfreudigen Mercedes-Supersportwagen fährt. Man wolle dem deutschen Partner nicht das Autobauen beibringen, betonte der Mercedes-Fan bei der Bekanntgabe des Coups. Noch konkreter: Man habe auch keinerlei Änderung der Strategie vom »hervorragenden« Stuttgarter Management verlangt. Und das setzt unter Konzernchef Dieter Zetsche auf eine Doppelstrategie: Zum einen arbeitet Daimler weiterhin an effizienteren Benzin- und Dieselmotoren, die nach Meinung der Stuttgarter in den kommenden Jahrzehnten noch den Markt dominieren werden, insbesondere bei großen Autos. Zum anderen investiert der Konzern kräftig in alternative Antriebe: Hybride aus Elektro- und Benzinaggregat, batteriebetriebene Elektroautos und Fahrzeuge, die mit Wasserstoff fahren. E-Autos werden nach Ansicht der Stuttgarter Techniker auf absehbare Zeit nur bei kleineren Autos und in Nischen reüssieren. Da wollen sie allerdings vorn dabei sein.

Je länger die weltweite Absatzflaute anhält, desto schneller schrumpfen die Kapitalreserven aller Autohersteller – auch die der vergleichsweise liquiden Daimler AG. Durch die Finanzspritze aus Abu Dhabi verbessern sich die Chancen für Zetsche, die teure Doppelstrategie weiter fahren zu können. Zwei Milliarden Euro mehr in der Kasse schaffen Luft – ein Wettbewerbsvorteil. Man kann gelassener werden, die Gefahr, dass man beim Staat betteln gehen muss, hat sich diese Woche deutlich verringert. Der Vertrauensbeweis hat darüber hinaus auch indirekte Signaleffekte: Schon hoffen die Schwaben auf ein besseres Rating und damit niedrigere Zinsen für Kredite. Auch vor feindlichen Übernahmen ist der Konzern nun besser geschützt. Die Großaktionäre Kuwait (seit 1974) und nun Abu Dhabi lassen jeden Finanzinvestor zweimal überlegen, bevor er in Stuttgart umtriebig wird.

Gut für Daimler, doch was haben die Scheichs davon? Sehr langfristig sei ihr Interesse, betont Al Qubaisi. Da die Araber den tief abgesackten Aktienkurs zum Einstieg nutzten, können sie in aller Ruhe auf dessen Erholung warten. Bei Image und Technologie, das haben die Investoren aus Abu Dhabi erkannt, hat Mercedes viel mehr zu bieten als etwa die wie Sauerbier angebotenen und extrem gefährdeten Hersteller Opel oder Volvo. Und wenn da noch ein paar E-Autos für die Wüstensöhne und Kooperationen etwa bei moderner Batterietechnik herausspringen, umso besser. Fünfzig bis hundert Jahre wollen die Araber bleiben. Die Schwaben können ihr Glück kaum fassen. Dietmar H. Lamparter