Seit Lance Armstrong wieder im Rennsattel sitzt, macht ein kleines, hässliches Wort von Neuem die Runde: Epo. Im Januar zelebrierte der siebenmalige Tour-de-France-Sieger bei der Australien-Rundfahrt sein Comeback. Prompt war wieder von dem wohl bekanntesten Dopingmittel die Rede, mit dem Armstrong nach Recherchen der französischen Sportzeitung L’Équipe vor Jahren seine Leistung manipulierte – so wie zahlreiche andere Radprofis, Leichtathleten oder Wintersportler.

Epo schafft viel böses Blut. Jedoch: Menschen mit Herzinfarkt oder Schlaganfall könnte es das Leben erleichtern. Ilka Ott vom Deutschen Herzzentrum in München hat mit ihrem Team soeben eine Studie zum Epo-Einsatz bei Infarktpatienten abgeschlossen. Denen hatte man das Mittel nach einem Kathetereinsatz in hoher Dosis gespritzt, schildert Ott – in der Hoffnung, dass sich das Herz dadurch besser erholt und effizienter arbeitet.

Im Tierversuch sei bereits belegt, dass Epo die Schäden eines Infarkts begrenzen könne, sagt Otts Kollege Adnan Kastrati: "Die Strategie ist sehr vielversprechend." Eine ganz ähnliche Studie führen holländische Herzforscher vom Universitätsmedizinischen Zentrum in Groningen durch.

Schweizer Mediziner schützen mit Epo die Gehirne frühgeborener Babys

Auch bei einer anderen gefürchteten Folge von Gefäßverschlüssen könnte das Mittel hilfreich sein: Gleich mehrere Ärzteteams erforschen, ob sich mit Epo die Auswirkungen von Schlaganfällen abmildern lassen. Und an Schweizer Universitätskliniken wird die Substanz probehalber extrem früh Geborenen verabreicht, um deren noch unreife Gehirne vor Folgeschäden zu schützen. Dem Molekül könnte nach Meinung vieler Mediziner eine große Zukunft bevorstehen.

Ohnehin wird Erythropoetin, so der volle Name des natürlicherweise in der Niere gebildeten Hormons, seit Langem zur Behandlung von Blutarmut bei chronisch Nierenkranken, mitunter auch nach einer aggressiven Chemotherapie gegeben. Es stimuliert die Bildung roter Blutkörperchen im Knochenmark (Erythropoese). Das nimmt blutarmen Patienten die Müdigkeit. Erstmals in den achtziger Jahren war es gelungen, den körpereigenen Wachstumsfaktor mithilfe von gentechnisch veränderten Bakterien zu produzieren; in der Folge stiegen diverse Hersteller mit jeweils leicht unterschiedlichen Epo-Varianten in die lukrative Anämiebehandlung ein.

Die Erkenntnis aber, dass die Substanz nicht nur die Blutbildung antreibt, sondern auch in Herz und Hirn zu wirken scheint, ist neu. Der Zellrezeptor für Epo, weiß man heute, findet sich in ganz unterschiedlichen Organen. Das erklärt zumindest teilweise die breit gefächerten Effekte. So fördert Epo offenbar das Neuronenwachstum im sich entwickelnden Gehirn, während es bei Erwachsenen womöglich die geistige Leistungskraft steigert. Zudem ergaben Tierexperimente, dass Erythropoetin in vielen Geweben, allen voran Herz und Hirn, als ein körpereigenes Reparaturhormon fungiert und den Untergang geschädigter Zellen verhindert. Bei einer 2008 veröffentlichten Studie mit malariainfizierten kenianischen Kindern stellte sich heraus, dass Patienten mit natürlicherweise hohen Erythropoetin-Spiegeln deutlich seltener unter neurologischen Komplikationen des Parasitenbefalls litten. Einst ein revolutionäres Medikament, heute eine Skandaldroge, könnte sich Epo erneut zum Heilmittel im besten Sinne wandeln.