Gäbe es einen Grammy für den Einsatz von Staubsaugern und anderen Haushaltsgeräten in der Unterhaltungsmusik, wäre Mica Levi so gut wie nominiert. In der Sparte »Staubsauger et cetera« tritt sie fast konkurrenzlos an. Mit dem »Hoover«, den die 21-jährige Britin auf der Bühne zur Modulation ihrer Stimme gebraucht, könnte sie den obersten Juroren des Rock und Pop auch den Schmalz aus den Ohren saugen, der ihre Urteile traditionell trübt. Erst einmal dürfte Mica Levis Musik aber kollektives Ohrensausen auslösen. Jewellery, das gerade veröffentlichte Debüt-Album ihrer Band Micachu, habe das Zeug, unsere Hörgewohnheiten nachhaltig zu verändern, jubeln die britischen Hip-Medien. Das kleine, dünne Mädchen mit der großen Zahnlücke ist auf dem Sprung zum Popstar 2009 – ein postmodernes Renaissance-Kind, das singt, spielt, komponiert, produziert und seine eigenen Instrumente baut.

So viel Wind um die eigene Person beschämt Mica Levi. Bei Fragen zu ihrem aktuellen Befinden kneift sie die Augen zusammen, verzieht die Mundwinkel bis zur Selbstparodie und sagt schnell: »Mal sehen, was passiert. Ich bin ja sehr zynisch.« Dieser Tick mit dem Augenkneifen ist auch beim Konzert zu beobachten, wenn sie mit dieser charity shop- Gitarre über die Bühne des Notting Hill Arts Club eiert und wie eine Aufziehpuppe jodelt, während die Bandkollegen Raisa Khan (Keyboards) und Marc Pell (Drums) konzentriert Krach anrichten. Das Publikum verfolgt das Schauspiel mit Verwunderung, der Auftritt funktioniert wie eine Direktschaltung in die Wohnküche einer Gruppe hochbegabter, fröhlich experimentierender Musikstudenten.

Erst hat sie Geige gelernt, jetzt musiziert sie auch mit Kreissägen

Mica Levis Vita ist nicht gerade der Stoff, aus dem Popkarrieren geschrieben werden. Mit vier erhält die Lehrerstochter Violinenunterricht, mit zehn besucht sie die renommierte Purcell-Musikschule, seit drei Jahren studiert sie an der Guildhall School of Music & Drama. 2008 wird Mica Levi als »Young Composer of the Year« ausgezeichnet und schreibt eine siebenminütige Kammermusik für das London Philharmonic Orchestra, die in der Royal Albert Hall aufgeführt wird.

Als Wunderkind der Geige hat sie sich aber doch nicht gefallen; wo die Mitschüler Bach und Mozart paukten, erkundete sie die Bastardsounds in den nah gelegenen Londoner Undergroundclubs. Das Mixtape Filthy Friends, das Mica Levi letztes Jahr in Umlauf brachte, dokumentierte diese Entdeckungsreisen in einer wild wogenden Komposition aus Hip-Hop, Grime und Folk. Im prächtigen Gewusel klangen schon die Sounds an, die Micachus Patchwork-Pop heute zum Ereignis befördern.

Aus den Geräuschen und den Texturen, die sie so liebe, seien ihre eigenen Stücke überhaupt erst entstanden, sagt Mica Levi. Es quietscht, scheppert, dröhnt aus allen Ritzen; Kreissägen, Klingeltöne, Flaschen, Tassen, Laserspielzeuge, dazu die besagten Staubsauger, der Klang von frei gestimmten Gitarren und rappelnde Percussion-Loops sind die tanzenden Elementarteilchen in ihren Songs – Ausrufezeichen im beseelten Punk-Pop-Gedaddel, das Micachu mit der Emphase einer Band darbieten, die noch gar nicht weiß, wohin es sie treibt. Wenn die Lieder einen Moment lang den Atem anhalten, kann man Maschinen leise singen hören oder Mica Levis Texten lauschen, die nicht mehr als Klangverstärker sein wollen im feuchten Partykeller eines Jugendclubs. »Es gibt ein paar wichtige Stellen«, sagt sie, »aber der Großteil dessen, was ich singe, ist Nonsens.«

Ihre Lieder entstehen aus Pannen – und können doch Hits werden