Her mit den schönen Erinnerungen! »1989« sollte gefeiert werden als eine gemeinsame Erfolgsgeschichte von Polen, Mitteleuropäern, Ostdeutschen und, irgendwie, auch dem Westen. Wer Lust hat – und es lohnt sich! –, kann sich augenblicklich in Berlin in eine Endloserinnerungsschleife dieser Art stürzen. Die Situation sei reif, hat denn auch der polnische Botschafter Marek Prawda bei einer der vielen Veranstaltungen gemahnt, die »nationalheroische Betrachtungsweise zu überwinden«. Wie recht er hat!

Und dennoch: All die Geburtstagsständchen für dieses »annus mirabilis«, wie der Chefredakteur der Gazeta Wyborcza, Adam Michnik, es in einer Festrede nannte (vorab veröffentlicht in der ZEIT vom 5. März), werden eingeholt, ja überschattet von der großen Krise. 1989, ein Jahr des Wunders? Das sicher weiterhin, aber ein Grundrauschen hört man trotz dieses Positivsaldos heraus. Die bange Frage nämlich, ob der weltwirtschaftliche Wirbelsturm die Nationalstaaten nur isoliert und zur Rettung der jeweils eigenen Wirtschaft antreibt, »ob Europa und seine Brüsseler Institutionen also nur existieren, oder ob es auch Hoffnung ist«, wie der polnische Journalist und langjährige Autor dieser Zeitung Adam Krzeminski es als Gast der Böll-Stiftung formulierte.

Nicht Deutschlands Einheit, nein, der Traum der gesamteuropäischen Einigung, »das war der geschichtliche Auftrag von 1989« – so hat es Wolfgang Templin formuliert, der einer der profiliertesten Regimekritiker der DDR war. Templins »geschichtlicher Auftrag« und Adam Michniks »Rzeczpospolita Europa«, für die der einstige polnische Oppositionelle sich temperamentvoll einsetzte, hängen am selben Gedanken. Untergegangen sei die Weimarer Republik, weil weder die Intellektuellen noch die Gewerkschaften oder die Arbeiter sie hinreichend verteidigten, hatte Michnik hinzugefügt – nun aber verteidige er jedenfalls obsessiv ebendiese »Republik Europa«.

Jetzt hat Europa die Chance, sich neu zu gründen – 1989 wurde das versäumt

Wie wunderbar! Aber nicht zufällig wird in diesen Tagen zugleich ein ernüchternder Satz Ralf Dahrendorfs zum Ohrwurm, »ihr im Osten habt eigentlich Pech gehabt mit dem Kapitalismus«. Was heißt: Der Westen profitierte davon – und jetzt, da der Osten dazugehört zu Europa, zeigt er seine hässliche Seite. Tatsächlich, sie hatten sich das alles leichter vorgestellt, bilanziert György Dalos, der ungarische Schriftsteller. Das Wort »soziale Marktwirtschaft« habe man nicht gekannt, denn klar war doch, »nach hundert Jahren Arbeiterbewegung ist die Marktwirtschaft automatisch sozial«. Marktwirtschaft? Die führen wir in zehn Tagen ein, haben sie in der Slowakei geglaubt, erinnert sich ein Gast aus Bratislava. Pech, bilanziert auch Marzenna Guz-Vetter von der Vertretung der EU-Kommission in Berlin – jetzt drohe eine neue Spaltung, nur fünf Jahre habe Mitteleuropa Zeit gehabt in der EU, und jetzt erlebten die Ost-Nachzügler eine Krise, wie Europa sie noch nicht hatte! Und dennoch, es wabert nicht Nostalgie oder Bitterkeit durch diese Erinnerungsstunden. Häufig begegnet man vielmehr einem Wort wieder, das man in der Umbruchzeit 1989/90 im Osten zu hören bekam: Es heißt »Erfahrung des Scheiterns«.

Hat der Osten das dem Westen voraus, und kann das wirklich helfen? Ein Slowene ist es, Pavol Demeš, der diese Parallele zu 1989 zieht: Ja, auch damals habe er das Gefühl gehabt, »verschont uns mit eurem Krisen-Geschäft, wir wissen, dass wir das alles schon hatten«. Für sie habe es damals »kein Licht« gegeben. Geschafft haben sie es 1989 und danach dennoch: Wie oft sei er gedemütigt worden an Grenzübergängen zwischen Ost und West, jetzt zeige er, wenn gewünscht, seine verknautschte Identitätskarte vor und sage, er sei ein »stolzer europäischer Bürger«. Das kann ihm keiner mehr nehmen!