Wer Wölfe besucht, muss sich frei machen. "Bitte die Ärmel aufkrempeln", sagt Zoltán Horkai und fügt – nicht gerade beruhigend – hinzu: "Damit die Tiere sehen, wo der Arm aufhört und die Jacke anfängt, und nicht versehentlich in die Haut beißen." Alles andere gilt es gut zu verstauen: Haare unter die Mütze! Schal in den Kragen! Das Handy soll ich am besten gar nicht erst mitnehmen! Und, ganz wichtig: "Die Hand erst nach den Wölfen ausstrecken, wenn sie ausgiebig daran geschnuppert haben. Sonst kann man sie schnell vergraulen."

Ein letzter prüfender Blick, dann öffnet Horkai die Tür zum Gehege, in dem ein Rudel grau melierter Lupi wartet, und wir zwängen uns hinein. Wer Angst hat vorm bösen Wolf, der steht hinter Zoltán Horkai genau richtig. Die Tiere akzeptieren den 39-Jährigen als ihresgleichen, denn er hat sie als Welpen aufgezogen. Er ist das Alphatier, ihr Boss. Und er bringt sie dazu, auf Kommando Dinge zu tun, die sie sonst freiwillig nur im Rudel machen: heulen, springen, sich am Boden wälzen, die Zähne fletschen. Horkai zählt zu den wenigen Wolfstrainern, die es auf der Welt gibt.

Regelmäßig stehen seine Tiere vor der Kamera – in Dokumentarfilmen (Ötzi), Werbespots (Bacardi und Rotkäppchen) und Hollywoodstreifen (Season of the Witch mit Nicolas Cage, der im nächsten Jahr in die Kinos kommt). Im Augenblick ist Drehpause, und Horkai ist zu Hause auf seiner Farm im ungarischen Gödöllő, 30 Kilometer nordöstlich von Budapest. Stürmisch werden wir von den Wölfen begrüßt. Sie umringen uns, zerren an seinem schwarzen Fleecepullover, lecken an meinen Händen und springen an uns hoch. "Keine Angst zeigen", rät mir Horkai noch einmal – was leicht gesagt ist. Er selbst packt kräftig zu, hält eines der Tiere umschlungen und wirbelt es herum. So sieht es aus, wenn einer tatsächlich mal mit dem Wolf tanzt. Wölfe auf Schmusekurs – ein seltener Anblick.

"Anders als der Hund will der Wolf nichts vom Menschen und erwartet nichts von ihm", erklärt Horkai, "deshalb ist es extrem schwierig, seine Aufmerksamkeit und sein Vertrauen zu gewinnen." Jahrmillionenlang gab es nur den Wolf. Erst als Homo sapiens in Südostasien und Europa auftauchte, schlug ein Teil der Tiere eine andere Laufbahn ein: Der Hund wurde zum besten Freund des Menschen, der Wolf blieb unter seinesgleichen.

Nur einmal versuchte ein Tier, ihm den Rang abzulaufen

Wie genau Mensch und Hund zusammenkamen, darüber sind sich die Wissenschaftler uneins. Die einen gehen davon aus, dass Jäger einst ein erwachsenes Tier töteten und die Jungen lebend mit nach Hause nahmen. Die anderen glauben, dass die Tiere von sich aus den Kontakt zum Menschen suchten, weil sie in seinen Abfällen jede Menge Leckereien witterten. "Ich kann mir gut vorstellen, dass das Tier den Menschen gewählt hat – und nicht umgekehrt", sagt Horkai. Durch Selektion der friedlichsten und zutraulichsten Jungtiere wurde der Hund zum Haustier. Den ältesten Nachweis einer Mensch-Hund-WG entdeckten Forscher vor Kurzem in der belgischen Grotte von Goyet. Das freigelegte Skelett des Urhundes ist 31.700 Jahre alt.

Damit ein Wolfswelpe die Scheu vor dem Menschen verliert, muss er in den ersten zehn Tagen nach der Geburt mit ihm in Kontakt kommen. Beim Hund ist das Zeitfenster für die Sozialisierung etwa zwölf Wochen lang offen. "Anfangs musste ich die Wolfsjungen alle zwei Stunden füttern – und zwar rund um die Uhr", erzählt Horkai. "Das ist anstrengender als mit menschlichem Nachwuchs."