Ulrich Beck hat einmal ein Buch mit dem Titel Risikogesellschaft geschrieben. Auf diese Analyse der Entwicklung von postindustriellen Gesellschaften spielt er auch in seinem Artikel Mein Gott, was für eine Chance (ZEIT Nr. 13/08) an, wenn er etwa von der »Weltrisikogesellschaft« spricht.

Nun kann ein Wortspiel deutlich machen, worin das größte Risiko besteht: Es besteht in der Risikoleugnung. Die heutige Risikoleugnungsgesellschaft ist die eigentliche Risikogesellschaft: Leugnung der Klimakatastrophe, Leugnung der Zerstörung von Artenvielfalt durch genmanipulierte Landwirtschaft, Leugnung der Krisengefahr von entfesselten Finanzmärkten, Leugnung des Systemrisikos beim Handel von »Wertpapiere« genannten Wettpapieren.

Noch in der Forderung des Deutschbankers Ackermann, der Staat möge die »Selbstheilungskräfte des Marktes unterstützen« steckte die Risikoleugnung. Denn Ackermann hätte schon lange vorher fordern können, der Staat solle die Selbstzerstörungskräfte des Marktes ausschalten. Aber als solchen »Zerstörungsfaktor im Herdenverhalten der Finanzmarktinstitutionen« mochten Ackermann und andere »bankenabhängige Denker« die eigenen Banken nicht betrachten. Und so unterblieb, »systembedingt verursacht«, die empirische Analyse der modelltheoretisch verursachten Denkfehler.

Für die Erfüllung von Becks Wünschen an Europa fehlen Brüssel die Befugnisse. Es ist von den Risikoleugnern als ein »Deregulierungseuropa« gewünscht worden. Es sollte deswegen zum Beispiel die öffentlich-rechtlichen Sparkassen abschaffen, um deren Kunden den privaten Großbanken zuzuführen! Obwohl die Sparkassen sich als good banks im Gegensatz zu den privaten bad banks herausstellten. Empirische soziologische Analysen der Lobbymächte statt frommer Wünsche an »Unbekannt« wären nötig, damit etwa Irland sich regulierungsfreundlicher für Europa einsetzte. Beck könnte solche Analysen liefern! Möge die ZEIT es fordern!

Dietrich Sperling war von 1969 bis 1998 Mitglied des Deutschen Bundestages

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