Nein, eine Tragödie ist es nicht, wenn Hartmut Mehdorn nach zehn Jahren als Bahnchef abtritt. Und ein Trauma wird er auch nicht davontragen. Der Datenskandal wird bald vergessen sein, er war nur der Anlass. Der eigentliche Grund für Mehdorns Rücktritt: Zu viel Feind’, zu wenig Ehr’. Man wird sich noch lange an den bulligen Mann erinnern, der gezeigt hat, dass man einen Staatskonzern über lange Strecken so führen kann, als hätte er private Eigentümer. Das nämlich ist die wirkliche Tragödie des Hartmut Mehdorn: Ein Jahrzehnt lang hat er dafür gekämpft, die Deutsche Bahn zu einer Börsenfirma zu machen, während er gleichzeitig bewies, dass es auch so ganz gut ging. Der Service wurde besser, die Fahrgastzahlen stiegen, die Gewinne auch. Dabei halfen Subventionen. Durch Zukäufe hat Mehdorn aus der Bahn einen international erfolgreichen Transportkonzern gemacht (sie allerdings auch neuen Risiken ausgesetzt, wie sich bald zeigen wird). Man könnte es bei dieser Bilanz belassen und ihm im Stil der Zugdurchsagen nachrufen: Senk ju vor lieding Deutsche Bahn.

Aber Mehdorns Abgang ist auch eine Zäsur. Der Privatisierungsplan ist endgültig vom Tisch. Das ist gut so. Die Idee, die Bahn an die Börse zu bringen, war schon immer schlecht. Inzwischen ist sie nicht einmal mehr modisch. Wir befinden uns in einer Situation, in der das Kapital anlagewilliger Investoren dringender für Unternehmen wie Opel und Schaeffler gebraucht wird. Ein für die Bürger und die Volkswirtschaft so wichtiges Unternehmen wie die Bahn gehört in Staatsbesitz. Anders als Mehdorn predigte, ist die Bahn auch in Zukunft nicht auf die Börse angewiesen. Sie braucht keine Investoren. Sie kann jederzeit neues Kapital ansaugen, indem sie (verzinste) Anleihen ausgibt. Und im Gegensatz zu den Banken, die der Staat retten muss, um die Wirtschaftskrise nicht ausufern zu lassen, ist die Bahn auch in guten Zeiten den Einsatz von Steuergeld wert.

Hartmut Mehdorn hat sich nie als ein Ausführungsorgan der Politik begriffen, bedauerlicherweise aber auch nicht als Diener der Bahnkunden und der Bürger. Sein Stil war autokratisch. Er ließ sich nur ungern reinreden. Er dachte, eine Börsenbahn wäre leichter zu führen und zu betreiben als eine Bundesbahn. Daran stimmt nur, dass ein privatwirtschaftlich verfasstes Unternehmen zu höheren Leistungen imstande ist als eine Beamtenanstalt. Private Eigentümer braucht es nicht.

Mehdorns Ehrgeiz war größer als sein Spielraum. Aber seine Durchsetzungskraft und seine Leidenschaft überstiegen auch das Durchschnittsmaß deutscher Topmanager. Die Bahn und ihre 230.000 Mitarbeiter haben davon profitiert. Dass eine Große Koalition in der gegenwärtigen Wirtschaftslage eine solche Führungskraft absetzt, ist keine Tragödie. Aber es ist ein Fehler.

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