New York/Jerewan, Dezember 1988

Welch ein Aufstieg aus vier Jahrzehnten Kaltem Krieg! Ein Kremlführer durchmisst umjubelt das World Trade Center. Staunt aus dem 107. Stockwerk des einen Zwillingsturms zum anderen hinüber und in die Grand Canyons von Manhattan hinunter. Gestikuliert und redet wie im Höhenrausch: Michail Gorbatschow in seinem Element.

Noch ahnt der sowjetische Staats- und Parteichef nicht, dass er nur 48 Stunden später hilflos in einer Trümmerlandschaft stehen wird – am anderen Ende des Globus. Fortan werden Bilderpaare wie diese ihn begleiten: hier Triumphe nie geahnten Ausmaßes, dort Zusammenbruch, ja Zerstörung. Durch den Völkerfrühling des Jahres 1989 bis hin zum Fall der Berliner Mauer.

Kein Wölkchen hatte den Himmel getrübt, als der Gast in New York gelandet war. Als Korrespondent der ZEIT in Moskau gehörte ich zu seiner Entourage, und auch das war eine Neuheit. Der Generalsekretär der KPdSU hatte Mitarbeiter westlicher Medien eingeladen, ihn in die USA zu begleiten. Strahlend zog auch der folgende Tag über den East River herauf. Blendend spiegelte sich die Skyline Manhattans auf der Front des UN-Glaspalastes. In seiner ersten Rede vor den Vereinten Nationen brachte Michail Gorbatschow den "Idealismus Woodrow Wilsons" ein. Für die selbst gewählte Mission, seinen Vielvölkerstaat aus der existenziellen Krise zu retten, hatte sich der Russe aus dem Kaukasus in den Mantel des Weltgewissens gehüllt – und kaum noch jemand im Westen fand diesen Mantel zu weit. An jenem Ort, an dem Nikita Chruschtschow 28 Jahre zuvor mit dem Schuh aufs Pult getrommelt und gedroht hatte, "Interkontinentalraketen kommen aus den sowjetischen Fabriken wie Würstchen aus einer Wurstmaschine", kündigte Gorbatschow nun für 1989 die Umwandlung der Rüstungsbetriebe in Konsumgüterfabriken an. Wohlstand statt Waffen für ein Imperium, das seine Weltmachtrolle nur dem Militär verdankte.

Die liberale Washington Post registriert ein Ereignis von "kosmischer Dimension" und rühmt: "Der Sowjetführer entfaltet einen Entwurf zur Rettung des Planeten." Doch der Planet stoppt die Feier der Zeitenwende. Am 7. Dezember um 11.41 Uhr Ortszeit erschüttert ein 30 Sekunden langes Beben den Norden Armeniens. Begräbt ganze Städte, Familien, Schulklassen, Belegschaften. 26000 Menschen sterben.

Gorbatschow fliegt aus Amerika nach Armenien, uns Korrespondenten im Tross. Sie hören noch die letzten, schwachen Hilferufe unter den Trümmern. Die meisten Opfer sind Kinder und Arbeiter. Schulen und Werkshallen aus Fertigteilen sind wie Kartenhäuser zusammengefallen. Ihnen fehlte der Zement, der auf den schwarzen Märkten gelandet war. 67 Nationen kommen zu Hilfe. Doch mancher Konvoi dreht wieder ab, weil keine Autorität die Papiere quittieren kann. Weil christliche Armenier keine "Türken" aus dem benachbarten Aserbajdschan ins Land lassen wollen. In der Agonie einer ganzen Region scheint schon für einen Moment die Apokalypse des Systems auf, dem zivile Technik, private Professionalität, staatsbürgerliche Entscheidungskraft, nationale Toleranz fehlen.

Moskau, 11. März 1989

Genau vier Jahre nach Gorbatschows Amtsantritt steht die Führung des Landes vor der politischen Revolution und dem wirtschaftlichen Zusammenbruch. Sie hat Ersteres weitgehend in Kauf genommen, um Letzteres zu verhindern. Doch ihr Versuch, die Sowjetökonomie zu modernisieren, beschleunigte nur deren Verfall. Um dem Kollaps zu entgehen, versuchen die Reformer, die Fesseln des Systems zu lösen, ohne sie abzuschütteln. Parlamentarismus light: Zum ersten Mal in der Sowjetgeschichte können die Bürger am 26. März unter mehreren Kandidaten wählen. Sie sollen über die Delegierten für das höchste Staatsorgan, den neuen Volksdeputiertenkongress, abstimmen. Doch schon der Wahlkampf löst ein politisches Beben aus, das die Säulen der Parteiherrschaft ins Schwanken bringt.

Das Kulturhaus des Rüstungsbetriebs Roter Oktober im Moskauer Stadtbezirk Tuscheno: Die Leute strömen zur Versammlung des Wahlkreises 25. Anwohner fühlen sich übergangen. Sie geben dem deutschen Journalisten ihre genauen Adressen, damit ich sie als Zeugen dafür anführen möge, dass diese Versammlung ohne ihre Kenntnis angesetzt worden sei. Alle wollen mit entscheiden. Drinnen tobt die lärmende Jagd über das noch unbekannte Terrain der Verfahrensfragen. Wie eine rollende Salve dröhnt die Stimme einer jungen Frau durch den Rüstungsbetrieb: "Halt endlich die Klappe, Vorsitzender!" Der ist ein harmloses Männlein mit Lederjacke, den die Schule der Demokratie sichtbar überfordert.