Gott hat ordentlich trainiert. Hat geschwitzt, gekeucht, hat mit den Kraftmaschinen gerungen, und nun blickt er voller Selbstgewissheit in die Kamera. Gott weiß, er ist sein eigener Herr. Seine Schönheit ist nicht das Geschenk irgendeines anderen, er hat sie sich selbst geschenkt. Er ist das Produkt seines Willens, ist sein eigener Schöpfer. Und damit das auch alle verstehen, trägt er eine Tätowierung auf der sorgsam rasierten Muskelbrust, vier Buchstaben nur: G o t t.

Zu sehen ist der junge Mann, ein Inbild durchtrainierter Anmaßung, seit voriger Woche in Karlsruhe, in einer Ausstellung in der Städtischen Galerie über die Schönheit und ihre seltsame Macht. Die Ausstellung ist schon deshalb bemerkenswert, weil die Künstler der Moderne lange alles daransetzten, der Schönheit zu entkommen. Ihre Kunst sollte verstören, mitreißen, sollte aufbegehren gegen jeden Anschein von Harmonie. Doch wie es aussieht, beginnt sich das zu ändern. Bei nicht wenigen Künstlern, auch bei Bernhard Prinz, der den muskelgestählten Gott fotografiert hat, regt sich ein neues Interesse am Schönen. Und gleich mehrere Ausstellungen waren in jüngster Zeit dem lange verpönten Thema gewidmet. Woher diese Wandlung? Sind nun auch die Künstler vom Schönheitswahn gepackt?

Vor allem das Stylen, Lasern, Peelen, Spritzen, das Absaugen und Aufpolstern, das Schneiden, Stutzen, Zupfen und Entknittern hat es den Künstlern angetan, der heiß laufende Beautybetrieb, der sich schon lange nicht mehr mit ein paar Äußerlichkeiten zufriedengibt, sondern das macht, was die Kunstavantgarde einst wollte: den ganzen Menschen ergreifen und von Grund auf neu formen. Immer mehr Menschen begeben sich hinein in diesen Betrieb, machen sich zum Objekt, um wieder zum Subjekt zu werden, um mithilfe ästhetischer Chirurgen zu ihrem wahren Selbst zu finden. Schönheit, so scheint’s, ist für nicht wenige Zeitgenossen die letzte große Verheißung, ein Glücksversprechen.

Und haben sie nicht recht? Haben nicht Attraktivitätsforscher in unzähligen Studien nachgewiesen, wie ungemein erfolgreich und beliebt uns das Schöne macht? Ein schöner Schüler bekommt bessere Noten, ein schöner Angestellter ein höheres Gehalt, ein schöner Betrüger eine mildere Strafe. Und so liegt der Schluss nur allzu nah: Wer gut leben will, muss gut aussehen.

Auch Biologen bestätigen das gerne, und selbst manche Philosophen halten das Geheimnis der Schönheit für gelüftet: Alles eine Frage der Triebe, hormongesteuert, genbestimmt. Unsere Körper seien darauf programmiert, im Schönen das Gute zu sehen, weil schöne Menschen als gesund und vital erscheinen, bestens zur Fortpflanzung geeignet. "Zuchtwahl" nannte Charles Darwin das. Und weil sich der moderne Mensch nicht länger von Stammes- und Standesregeln seinen Partner diktieren lässt, ist just diese Zuchtwahl das Prinzip der Stunde. Mögen wir uns noch so frei und selbstbestimmt wähnen – in Wahrheit folgen wir doch nur urzeitlichen Schönheitsinstinkten.

Eine Welt ohne Falten und Pickel, wie langweilig wäre das

In vielen Kunstwerken über das Schöne spiegelt sich etwas von dieser Perfidie. Die Künstler wenden sich gegen den Wahn, den Kult, die Naturalisierung, gegen jede Art von Schönheitsdiktat, ganz gleich, ob durch Zellkerne oder Kosmetikkonzerne. Immo Klink zeigt uns die morbide Kehrseite des Glamours, wo im Neonlicht die Models aussehen, als besuchten sie gerade ihre eigene Beerdigung. Und bei Rosemarie Trockel gähnt uns eine Welt ohne Falten und Pickel an, nur Ebenmaß, nur Glätte. Die Langeweile ist nicht auszuhalten.