Ein harmloser, wohlerzogener Junge – so wirkt der 32-Jährige in seinen schicken Anzügen, doch Jérôme Kerviel ist bissig. "Ich werde die Société Générale als Idiotenbande entlarven, wenn es sein muss, ich werde kämpfen", schreibt er seiner Freundin Hanane M. am 24. Januar 2008. Da wird er schon verdächtigt, seinem Arbeitgeber Société Générale (SG) einen Verlust von 4,9 Milliarden Euro eingebrockt zu haben – ein größerer Schaden als der von Nick Leeson, der in den neunziger Jahren die Barings Bank in die Pleite trieb.

Etwas später legt Kerviel nach: "Das wird Zoff geben zwischen der SG und mir, ich glaube nicht, dass ich ihnen gewachsen bin, aber sie haben einen Fehler begangen, der mich wütend macht, und ich werde mich schlagen."

Gerade hatte die Bank entdeckt, welches irrwitzige Risiko er eingegangen war, indem er unerlaubterweise nicht weniger als 50 Milliarden Euro eingesetzt hatte. Ein Jahr später sind die Ermittlungen abgeschlossen. Die Ermittlungsrichter erwarten die Antwort der Staatsanwaltschaft; dann wird sich der Exhändler Jérôme Kerviel wohl vor einem Strafgericht verantworten müssen.

Kerviel hat sein Versprechen gehalten. Er hat gekämpft. Seinen ersten Anwälten hat er das Mandat entzogen, weil sie sich die SG nicht vorknöpfen wollten, wie er es im Sinn hatte. Ein Treffen für diesen Artikel hat er abgelehnt, doch die Richter Renaud Van Ruymbeke und Françoise Desset haben genug Dokumente gesammelt – SMS, Chat-Einträge, protokollierte Aussagen –, um nachzuzeichnen, wie Jérôme Kerviel abgedriftet ist.

An jenem 24. Januar 2008, sechs Tage nachdem der Betrug entdeckt wurde, versteckt sich der ehemalige Trader. Mal übernachtet er bei dem Informatikexperten, bei dem er heute angestellt ist, mal bei seinem Bruder Olivier Kerviel, 38. Er hat Angst vor der Presse. "Kannst du Paris Match kaufen, um zu sehen, ob Fotos drin sind?", bittet er seine Freundin. Die erträgt die Situation kaum mehr. Sie stößt bei Jérôme gegen eine Wand, sie ist ratlos. "Ich kann gegen die Außenwelt kämpfen", antwortet sie ihm, "ich kann physischen Schmerz ertragen, den seelischen, den Schiss, das Urteil der anderen, aber es gibt eine Sache, mit der ich nicht umgehen kann: mich zurückgewiesen zu fühlen..."

Jérôme Kerviel ist konfus, er weiß nicht mehr, wo er schlafen, wem er glauben soll. Er sucht Wahrsagerinnen auf. Mit seinem Bruder steht er in ständigem Kontakt. "Kannst du mir die Nummer eines Telefonwahrsagers besorgen?", fragt er ihn. "Ich kann nicht mehr, ich breche zusammen, [...] ich weiß, dass ich in den Knast gehen werde, ich esse nichts, ich habe alles ausgekotzt, ich stecke tief in der Scheiße." Hilferufe, auf die Olivier Kerviel antwortet: "Du musst dich darauf einstellen zu kämpfen..."

Ein ganzes Leben bricht da zusammen. Hanane und Jérôme sind erst seit Kurzem ein Paar. Sie berichtet den Ermittlern kühl: "Jérôme gehört zu den Nutzern von Informatikanwendungen, die bei der Société Générale eingerichtet wurden [...]. Ich sollte seine technischen Probleme lösen." Sie treffen sich bei ihm in Neuilly-sur-Seine oder in ihrem 47-Quadratmeter-Apartment in Courbevoie nicht weit vom Büroviertel La Défense, in dem beide arbeiten. Manchmal besuchen sie einen Billardclub an der Place Clichy in Paris. Ihr Leben dreht sich ums Ausgehen mit Freunden, den Tradern Salim Nemouchi und Manuel Zabraniecki, und mit dem Broker Moussa Bakir, der sich von Kerviel angezogen fühlt. Geschäftlich sind Broker und Trader eng miteinander verbunden: Broker führen die Kauf- und Verkaufsorders der Trader aus.