Karl Blum ist Allgemeinmediziner in Bochum und hat ein Problem. Seine Praxissoftware und diese neue Karte vertragen sich nicht besonders. Irgendwo hakt es immer; mal kann er die Patientendaten nicht lesen, mal das papierlose elektronische Rezept nicht ausstellen. Und wenn dann der Patient seine sechsstellige PIN nicht parat hat, ist das Chaos perfekt. All das überrascht Blum nicht: Er testet an vorderster Front, was in ganz Deutschland heftige Debatten über Datenschutz auslöst – die neue elektronische Gesundheitskarte (eGK). »Jeder, der mit Computern zu tun hat, weiß doch: Wenn die EDV funktioniert, ist das eine Ausnahme«, sagt er.

Eric Wichterich nennt das die »Praxiswehwehchen« der eGK und versucht sie zu heilen, so gut es geht. Er ist medizinischer Informatiker am Zentrum für Telematik im Gesundheitswesen (ZTG), das im Auftrag des Landes Nordrhein-Westfalen die Gesundheitskarte im Raum Bochum-Essen testet. »Ärzte und Informatik sind oft wie Feuer und Wasser. Wir Medizininformatiker bauen Brücken«, sagt der 33-jährige Projektleiter.

Die ZTG kämpft vor allem mit einem Problem: Praxissoftware und elektronische Gesundheitskarte sind oft nicht kompatibel. Die 25 teilnehmenden Testpraxen verwenden allein 10 verschiedene Verwaltungssysteme. Eric Wichterich vermittelt zwischen den Sphären der Informationstechnologie und der Medizin: Die Probleme lassen sich nur gemeinsam mit allen Akteuren lösen – Ärzten, Geräteherstellern, Softwareentwicklern und Krankenkassen. »Dazu braucht es viel Menschenkenntnis, Diplomatie und einen Blick für die Zusammenhänge im Gesundheitswesen«, sagt Wichterich.

Er trägt elegante Businesskleidung, ein blaues Hemd mit rot gestreifter Krawatte. Wichterich jongliert wenig mit Programmiersprachen, dafür umso mehr mit Flipcharts und Präsentationen. Medizinische Informatiker programmieren nicht nur, sie beherrschen auch die Grundlagen der Medizin. Sie kennen die Anatomie des menschlichen Körpers, seine Krankheiten; sie sind vertraut mit medizinischen Methoden und den Prozessen im Gesundheitswesen. Kurz: Sie sprechen die Sprache der Mediziner.

Hartmut Dickhaus lehrt medizinische Informatik an der Universität Heidelberg und sagt: »Wenn sich ein Informatiker und ein Arzt an den Tisch setzen, ist es überhaupt nicht selbstverständlich, dass sie sich verstehen.« Medizinische Informatiker nehmen den Medizinern den Schrecken vor der Technik und basteln ihnen eine anwenderfreundliche Benutzeroberfläche.

Softwareanwendungen im Gesundheitswesen müssen sehr verschiedenen Zwecken dienen. Neben Generalisten wie Wichterich gibt es hochspezialisierte medizinische Informatiker. Die 32-jährige Heike Hufnagel etwa forscht im Bereich der modellbasierten Bildanalyse am Institut für medizinische Informatik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Dank ihrer Programmierarbeit können Ärzte die Unmengen an Röntgenbildern und Computertomografien besser auswerten. Allein bei einer 4-D-Bildsequenz der Lunge kommen 6000 Datensätze zusammen. Hufnagel schreibt Programme, die Zahlen aus dem Bildmaterial gewinnen: Wie groß ist der Tumor wirklich? Ist er gewachsen? Und wenn ja, um wie viel? Die Medizininformatikerin liefert die Zahlen, die Ärzte interpretieren sie: »Meine Algorithmen helfen am Ende Menschen. Das reizt mich an der Arbeit.«