Martina Gerbig, 47, Textilingenieurin
Nach dem Studium fand ich sofort einen Job in einer Firma für Textilmaschinen. Fünf Jahre lang arbeitete ich dort, dann wurde mir plötzlich gekündigt, "sozialverträglich entlassen", so hieß es. Damals, 1991, ging es wirtschaftlich so bergab, dass viele Leute gehen mussten, allen voran natürlich die jungen und unverheirateten. Für mich war die Entlassung damals eine mittlere Katastrophe. Alle meine Bewerbungen blieben erfolglos. Vielleicht auch, weil der Beruf in den achtziger Jahren noch eher eine Männerdomäne war. Auf der Folie einer Bewerbungsmappe, die ich zurückbekam, hatte sich eine Notiz durchgedrückt: "Sehr schön, aber es muss ein Mann sein, weil er in den Betrieb muss." Während eines Aufbaustudiums in Wirtschaftswissenschaften kam eine Zusage aus der Schweiz von der Eidgenössischen Material- und Prüfungsanstalt St. Gallen. Ich war da bereits verheiratet, trotzdem zog ich in die Schweiz, mein Mann sollte später nachkommen. Der Plan scheiterte aber. Mein Mann fand dort keine Arbeit als Physiker, also ging ich nach zwei Jahren zurück nach Deutschland – ohne eine Stelle in Aussicht. Das Arbeitsamt vermittelte mir dann eine ABM-Stelle in einem Forschungsinstitut in der Nähe von Stuttgart. Ich hatte bereits eine mündliche Zusage für eine Festanstellung. Als ich aber schwanger wurde, riet mir der Chef vom Antritt der Stelle ab, und von der Zusage war plötzlich keine Rede mehr. Freiberuflich durfte ich auch nach der Geburt meines Sohnes dort arbeiten. Immer wieder bewarb ich mich – ohne Erfolg. Durch eine Freundin vom Deutschen Ingenieurinnenbund erfuhr ich 1998 von einer offenen Stelle an der Hochschule Albstadt-Sigmaringen, wo ich seitdem als Dozentin für Textile Werkstoffe tätig bin. Nun habe ich seit drei Jahren auch endlich eine feste Stelle im Produktmanagement eines Unternehmens, das Funk-Etiketten herstellt. Und eines habe ich gelernt: Netzwerke sind wichtig, und man darf sich von Rückschlägen nicht entmutigen lassen, so hart sie auch sind.

Karin Lange-Puttfarcken, 53, Chemieingenieurin
18 Jahre lang habe ich in Hamburg als Chemieingenieurin für eine öffentliche Verwaltung gearbeitet, zuerst in der Analytik, wo ich Bodenproben für die Altlastensanierung untersuchte, später in der Überwachung als Fachkundige für Boden- und Wasserschutz und beim Bau kleinerer Industrieanlagen. Ich mochte meinen Beruf sehr und habe mich schon immer für Chemie interessiert. Vor dem Studium war ich zwölf Jahre lang Chemielaborantin, ich weiß also, welcher Nutzen und welche Gefahren von Chemikalien ausgehen. Ich sah meine Aufgabe immer darin, auf einen verantwortlichen Umgang hinzuweisen. Aus diesem Grund fiel es mir auch so schwer, meinen Job aufzugeben. Doch die angespannte wirtschaftliche Situation in den letzten Jahren hatte auch Auswirkungen auf die öffentliche Verwaltung: Privatisierungen und Einsparmaßnahmen ließen den Druck auf die Mitarbeiter steigen. Irgendwann wurde dieser Druck zu groß, und ich war meine Arbeit los. Ich war am Boden zerstört. Das war vor einem Vierteljahr. Mich plagt die Sorge, mit 53 Jahren keinen neuen Job zu finden. Zählt man die Stellenangebote, wirkt der Arbeitsmarkt zurzeit wie leer gefegt, obwohl angeblich Ingenieure gebraucht werden – oder die Unternehmen suchen nur absolute Spezialisten. Um weiter konkurrenzfähig zu sein, habe ich mich bewusst für eine Weiterqualifizierung entschieden. Gerade nehme ich an einer Fortbildung zum Projektmanagement im Bereich erneuerbare Energien teil, ich finde das Thema Nachhaltigkeit spannend und wichtig und will mehr darüber wissen. Inzwischen sehe ich meine berufliche Krise sogar als Chance, weil ich mich mit meinem bisher gesammelten Wissen neu in einem Markt positionieren kann, der – davon bin ich überzeugt – in Zukunft weiter wachsen wird.

Wildur Schwarzlose, 33, Bauingenieur
Als ich 1996 anfing, in Hannover zu studieren, hieß es in der ersten Vorlesung: "Momentan sieht es schlecht aus auf dem Arbeitsmarkt, aber Sie fangen antizyklisch an, wenn Sie in ein paar Jahren fertig sind, ist alles wieder wunderbar." Als ich 2002 fertig war, sah es immer noch so schlecht aus wie zu Beginn meines Studiums: Der große Aufschwung der Branche nach dem Fall der Mauer war verebbt, Jobs waren rar. Ein halbes Jahr lang suchte ich vergeblich nach einer festen Stelle. Zu meinem Glück verschaffte mir ein Studienfreund einen Nebenjob bei seinem neuen Arbeitgeber, einem Dienstleister von Airbus. Wie fast alle meiner Studienkollegen war er nach dem Abschluss im Flugzeugbau untergekommen, nur eine Freundin fand eine Stelle als Bauingenieurin. Nach ein paar Monaten bot mir die Firma einen festen Job an, ich sollte als Berater für eine spezifische Flugzeugsoftware in der Zentrale des Dienstleisters in Hamburg arbeiten. Ich lehnte ab und begann stattdessen ein Aufbaustudium in Wirtschaftswissenschaft an der Technischen Uni in Braunschweig, Wirtschaft hatte mich schon als Teilbereich des Bauingenieurstudiums interessiert, und ich hoffte auf bessere Einstellungschancen in dieser Fachrichtung. Ich bewarb mich als Controller, unter anderem bei Baufirmen – wieder ohne Erfolg. Nach fünf Monaten Suche trat ich die immer noch offene Stelle als Softwareberater im Flugzeugbau an. Ein Telefonjob, zwei Jahre lang hielt ich durch. Dank einer Kollegin wechselte ich zu einem anderen Flugzeugbau-Dienstleister nach Bremen. Seither arbeite ich als Berechnungsingenieur, ich ermittle die Festigkeit von tragenden Strukturen im Flugzeugbau, dabei profitiere ich von dem, was ich einmal im Studium gelernt habe. Auch wenn ich Umwege gehen musste, dank meiner Freunde habe ich einen Beruf, der mich glücklich macht.

Protokolle: Katrin Brinkmann