Am Kreuzstutz treffen die Bernstraße und die Baselstraße aufeinander. Tag für Tag drehen im Kreisverkehr gegen 30000 Autos ihre Runde – doppelt so viele, wie durch den Gotthardtunnel fahren.

Der Tunnel ist immerhin unbewohnt. Christoph Fischer lebt aber seit acht Jahren direkt an diesem Verkehrskreisel im Westen Luzerns. Der bleiche, etwas nervös wirkende Mann Anfang 30 ist Illustrator und Künstler. Seine kleine, trapezförmige Wohnung befindet sich in einem alten Haus, das einem Schiff gleich auf den Kreisel steuert. Aus allen Fenstern sind Autos zu sehen, zu hören, zu riechen. "Zu jeder Uhrzeit sehe ich auf einen Blick mindestens 20 Autos." Nur Nachts zwischen zwei bis sechs Uhr gibt es ein kleines Zeitfenster, in dem sich das Autokarussell langsamer dreht. "Dann ist überhaupt an Schlaf zu denken."

Wären da nicht die quietschenden Güterzüge. Und die nächtlichen Raser. Dreimal ist er bereits aus seinem Bett geschüttelt worden, weil ein Irrer mit seinem Boliden in die Haustüre knallte. In einer anderen Nacht riss ein Opel Tigra sämtliche an der Hauswand befestigten Briefkästen weg. Und machte sich aus dem Staub.

Hier war immer die Abstellkammer: Gefängnis, Richtstätte, Puff

"So sieht übrigens das Wasser aus, nachdem ich die Fenster gewaschen habe", sagt er und hält zwei mit einer dunkelbraunen Brühe gefüllte PET-Flaschen hoch. Es gibt wohl kein Quartier in der Schweiz, das mit so vielen Nachteilen zu kämpfen hat wie die Basel-/Bernstraße. Und das ausgerechnet in der schmucken Touristenstadt Luzern. Bis 1910 hieß das rund 200 Meter breite und wenige Kilometer lange Gebiet Untergrund – ein noch heute gebräuchlicher Name. Der Untergrund befindet sich in einer Ungunstlage: ein feuchtes Schattenloch, eingequetscht zwischen dem steilen Gütschberg und der Reuss am nordwestlichen Stadtausgang nach Emmenbrücke. Im Winter erreicht monatelang kein Sonnenstrahl den Grund. Seiner ungünstigen Topografie wegen ist der Untergrund seit je die Abstellkammer Luzerns.

Während in der Innenstadt am See die malerische Altstadt, pompöse Hotelbauten und der repräsentative Bahnhof entstanden, deponierte man in der Vorstadt das Gefängnis, das Siechenhaus, die Richtstätte und die Kaserne. Ob Autobahnausfahrt, das Arbeitsamt, die 33 Bordelle, auch heute finden sich die negativen Landmarken der Stadt im Untergrund. Und als wäre das alles nicht belastend genug, führen mitten durch das Quartier die Kantonsstraße und der dreispurige Bahndamm, die meistbefahrene SBB-Strecke der Schweiz.

Vor drei Jahren berichtete ein Gratisblatt vom "allerschlimmsten Ghetto der Schweiz". Damals nahm das ganze Land erstmals verblüfft zur Kenntnis, dass der Stadtbezirk mit dem höchsten Ausländeranteil sich nicht etwa in den urbanen Zentren, sondern in der Innerschweiz befindet. Im Untergrund wohnen 4000 Leute aus 70 Nationen, fast 60 Prozent sind Ausländer. Deutlich mehr als etwa in Berlins sozialem Brennpunkt, dem Kottbusser Tor in Kreuzberg.