Die Artikelserie, in die sich dieser Beitrag einfügt, steht unter der Überschrift Mein Deutschland. Gemeint ist die Bundesrepublik zu ihrem 60. Jahrestag. Folgerichtig sind von 25 Themen 20 der Geschichte des westdeutschen Staates gewidmet. Fünf der Autoren auf dieser Liste haben in der DDR gelebt und sollen Themen behandeln, die das äußerst kritische Bild von diesem zweiten deutschen Staat befestigen – Beiträge zum 20. Jahrestag des Mauerfalls. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Aufnahme dieser kleinen "ostdeutschen" Gruppe einerseits eine Alibifunktion hat, andererseits dazu beiträgt, dem differenzierten Bild von der Bundesrepublik Deutschland eine ausschließlich düstere Sicht auf die DDR gegenüberzustellen und damit dem Zeitgeist Genüge zu tun. (Dass dies womöglich schon unbewusst geschieht, erhärtet nur die tief greifende Wirkung ständiger Wiederholung inzwischen fast sakrosankter Thesen.)

Trat der SED-Führung entgegen: die Schriftstellerin Christa Wolf, hier auf einem Bild von 2002 © Peer Grimm/dpa

Warum schreibe ich trotzdem – übrigens nicht zum ersten Mal – über das mir von der Redaktion angetragene Thema: "Mein Elftes Plenum"? Meine Erfahrung lehrt mich, dass dieses Datum, das DDR-Bürgern etwas bedeutete, den meisten ehemaligen Bundesbürgern nichts sagt. Also sollte ich wohl die Chance wahrnehmen, über den Vorgang zu berichten, der sich hinter diesem Datum verbirgt und an dem ich unmittelbar beteiligt war: das Elfte Plenum des Zentralkomitees der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands im Dezember 1965.

Es hat in meinem Leben eine einschneidende Rolle gespielt. "Einschneidend" – wodurch? Da muss ich weiter ausholen und dabei, wieder einmal, meine Erinnerung überprüfen, eingedenk des Benjaminschen Diktums, dass "wirkliche Erinnerung zugleich ein Bild von dem, der sich erinnert", geben müsse.

Ich war, damals Kandidatin des ZK der SED, dabei. Diese Tagung war eines der aufwühlendsten Erlebnisse meines bisherigen politischen Lebens. Was weiß ich noch von diesem Elften Plenum? Wie immer: das, was mich emotional am meisten bewegt hat. Dass es ein Kulturplenum war, auf dem Kultur und Kunst – besonders die Filmkunst, aber auch Autoren wie Stefan Heym, Wolf Biermann, Werner Bräunig – als Sündenböcke für gravierende Widersprüche in anderen Bereichen der Gesellschaft missbraucht und, durch vernichtende Kritik im höchsten Gremium der Partei, in ihrem Bestand und in ihrer Entwicklung nachhaltig geschädigt wurden. Dass die aggressive, denunziatorische Atmosphäre, die sich im Plenum ausbreitete, für mich schwer auszuhalten war. Dass ich mich schließlich genötigt sah, am dritten Tag das Wort zu ergreifen.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/AFP/Getty Images

Alles richtig, bis auf eins. Mir war entfallen, was ich bei Durchsicht der Materialien feststellen musste: dass dieses Elfte Plenum keineswegs nur ein Kulturplenum war. Ich bin überrascht, dass ich "vergessen" hatte, welch einen Umfang wirtschaftliche Fragen in den dreieinhalb Verhandlungstagen einnahmen. Da sie mich nicht im gleichen Maß betrafen wie die Auseinandersetzung mit der Kunst, hat meine Erinnerung sie fallen lassen und gibt mir jetzt, durch Dokumente gestützt, einige Einzelheiten heraus, die das Gesamtbild wesentlich vertiefen.

Es ist ja wahr: Seit 1963 war in der Wirtschaft der DDR, übrigens auf Initiative Walter Ulbrichts, das "Neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" (NÖSPL) eingeführt worden – ein Versuch, durch mehr Selbstverantwortung der Betriebe und eine gewisse Entbürokratisierung die ungenügende Effizienz der Produktion zu erhöhen. Dieser Versuch, ohne den sowjetischen Partner unternommen, musste scheitern, unter anderem, weil effizientere wirtschaftliche Strukturen eine Demokratisierung der politischen Strukturen vorausgesetzt hätten. Die aber erschien der Führungselite als drohender Machtverlust und wurde blockiert. Schließlich hatte ein Besuch von Leonid Breschnew, dem neuen sowjetischen Generalsekretär, diesen Alleingang der DDR unterbunden. Das Elfte Plenum musste nun, anders als geplant, den Wirtschaftsfunktionären diesen Kurswechsel offenbaren, ohne ihn eigentlich beim Namen zu nennen: Die Klemme, in der die DDR außen- und innenpolitisch zeit ihres Bestehens steckte, erzwang wieder einmal extreme, destruktive Maßnahmen.