Als 1992 Bob Dylans Good As I Been to You erschien, nur Stimme und akustische Gitarre, sollte ich für den Spiegel einen Text über diese frugale Platte schreiben. Dabei ahnte ich mehr, als ich wusste, dass hier etwas faul war: Sitting on Top of the World, Tomorrow Night, Frankie & Albert – die Lieder kannte man doch, und auch die restlichen hörten sich an, als hätten sie schon ein paar Jahrzehnte auf dem Buckel. Dylan war also wieder nachts zu jener Höhle im Wald geschlichen, von der nur er und ein paar andere Klopffechter zu wissen schienen, und hat sich ein paar Preziosen geholt, um die schlechte Zeit zu überstehen, in der er sich ja tatsächlich gerade befand, ausgebrannt, müde, ziellos: künstlerischer Mundraub also.

Aber wo lag diese Höhle? Ohne Internet und Google, mit den paar Büchern, die es damals über Popmusik gab: Sie war nicht zu finden. Nicht für mich. Mein Text vermengte Vermutungen und angetautes Halbwissen. Niemand hat sich jedoch beschwert: Gerade noch einmal davon gekommen. Aber seither hat mich die Neugier nicht mehr verlassen, wo denn dieser dunkle Tann liegt, in den so viele Musiker zu pilgern scheinen, ohne etwas zu verraten. Und kaum sieben Jahre später wurde der Schleier weggezogen: Der Hüter hieß mit bürgerlichem Namen Harry Smith, der Wald war die Vergangenheit, und das Passwort lautete: Anthology of American Folk Music, erstmals 1952 erschienen auf drei Doppel-LPs, im Jahr 1999 neu herausgebracht auf CD.

Harry Smith war ein Drogenfreak, experimenteller Filmemacher und vor allem Sammler seltener Schellacks, der aus seinen Beständen regionaler Musiken der zwanziger und frühen dreißiger Jahre in einem Prozess intellektueller Alchemie die von amerikanischen Hinterwäldlern reproduzierten Klänge Afrikas, Schottlands, Englands, Frankreichs durch Neuanordnung und atemberaubende Verknüpfung zu einem identitätsstiftenden Gesamtsound umdeutete, der weder Schwarz noch Weiß kannte, weder Baptist noch Teufelsanbeter, nicht Country noch Blues, sondern nur noch Amerika in einem Zustand der vorindustriellen Rohheit und Unmittelbarkeit: ein anderes Amerika. Die unsichtbare Republik, wie Greil Marcus sie nennen sollte.

Diese Aufnahmen von einem Dock Boggs oder Blind Willie Johnson wirken bis heute wie der Blick mit dem Radioteleskop in die fernsten Gebiete der menschlichen Seele. Smith ordnete die Songs nach arkanen Regeln der Numerologie, zitierte Aleister Crowley und Rudolf Steiner, dazu versah er das Beiheft mit blitzlustigen Kurztexten, was die Illusion von der Konstruktion eines neuen kulturellen Ganzen verstärkte. Erst dieser künstlerische wie künstliche Umgang mit dem Material überführte die Volksmusiken in einen Zustand, den man heute Pop nennen kann: Die Anthology ist der erste Remix der Musikgeschichte; hier wird erstmals mit Musik Musik über Musik gemacht. In den fünfziger und sechziger Jahren befeuerte diese Sammlung die Jungspunde des Folkrevivals, Dylan, Muldaur, Taj Mahal und wie sie alle heißen, und noch heute ist der Zauber zu spüren in dieser gleißenden Höhle aus Knacken und Rauschen. Dass die Anthology im Vorbeigehen auch mein musikalisches Leben entscheidend verändert hat, ist nur ihr allergeringstes Verdienst. 

Harry Smith/V.A.: "Anthology of American Folk Music", Smithsonian Folkways

Karl Bruckmaier ist Popkritiker, Autor und Hörspielregisseur