Die Hintermänner – Seite 1

Es ist schon Nacht im Kanzleramt, als bei Jens Weidmann noch einmal das Telefon klingelt. Nur auf zwei Etagen brennt noch Licht: bei ihm im vierten Stock und drei Stockwerke höher, auf dem Flur der Kanzlerin. Weidmanns Sekretärin ist schon vor Stunden gegangen, Berlin liegt im Dunkel, Weidmann kämpft in diesen Stunden einen unsichtbaren Kampf: Sein Gegner ist die Krise. Nach Märklin ist nun auch Schießer insolvent. Das erste Konjunkturpaket hat 31 Milliarden Euro gekostet und droht zu verpuffen, das Gesetz zur Enteignung der Hypo Real Estate ist noch nicht fertig. Müde nimmt Weidmann den Telefonhörer ab. Kanzleramtschef Thomas de Maizière macht Druck, Weidmann antwortet: "Okay, bis zehn Uhr morgen früh können wir liefern." Dann ruft er seinen Referatsleiter Finanzmärkte an, Wolfgang Kiekenbeck. Mit ruhiger Stimme fragt er nach dem Papier. Wenn es nicht bald fertig sei, sagt Weidmann, habe das Kanzleramt umsonst gearbeitet.

Wolfgang Kiekenbeck darf in diesen Tagen auf keinen Fall krank werden. Er ist Weidmanns Ansprechpartner im Referat Finanzmärkte, das nur aus Kiekenbeck und einem weiteren Mann besteht. Zwei Beamte aus dem Finanzministerium hat sich die Abteilung ausleihen müssen. Der Fall Hypo Real Estate ist nach wie vor ungelöst. Der Staat hat 87 Milliarden Euro an Bürgschaften für die Rettung einer Immobilienbank bereitgestellt, deren Namen vor einem halben Jahr kaum jemand kannte, aber der Riese taumelt noch immer. Die Regierung wird von der einen Seite beschimpft für diese teure Rettung – und von der anderen Seite für den Plan, sich diese Rettung bezahlen zu lassen, indem sie die Aktionäre der Bank per Gesetz enteignet. Die Partei der Kanzlerin, die Zeitungen, die Banker, alle üben Kritik. Und da draußen werden vermutlich in diesem Jahr eine Million Menschen ihre Arbeit verlieren.

Jens Weidmann ist Angela Merkels wirtschaftspolitischer Berater, er soll der Kompass sein, der sie durch die Krise führt. Das Gesetz über die Enteignung, über dem er gerade sitzt, ist Teil des größten Kampfes, den die Bundesregierung seit der deutschen Wiedervereinigung führt. Das Terrain, das der Staat unter dem Druck der Globalisierung aufgab, soll von den Bankern zurückgewonnen werden. Weidmann soll der Kanzlerin helfen, die Macht über das Geld wieder zu erobern.

Jens Weidmann ist 42 Jahre alt und parteilos, ein politischer Beamter, kein Politiker. Für sein Büro hat er sich aus dem Katalog des Kanzleramtes zwei dunkle Stillleben in Öl und eine Bronzebüste ausgesucht. Fast jeden Tag bespricht er sich mit der Kanzlerin. Merkel suchte ihn vor drei Jahren aus, weil er dem Typus entspricht, den sie schätzt: fleißig, zurückhaltend, pragmatisch. Er trägt die Haare gescheitelt wie ein Schuljunge, seine Gesichtszüge sind weich. Weidmann wirkt besonders ungefährlich, wenn man ihn sich neben Josef Ackermann vorstellt, dem Chef der Deutschen Bank.

Es ist der 10. Februar 2009, und der unermüdliche Referatsleiter Kiekenbeck sitzt seit Stunden über den letzten Ergänzungen des Enteignungsgesetzes; auf der nächsten Kabinettssitzung soll es verabschiedet werden. Das Thema ist heikel. Enteignung. Bei manchen löst das Wort die Angst aus, der Staat wolle den Markt strangulieren. Mit diesem Wort lässt sich Wahlkampf machen. Guido Westerwelle von der FDP warnt schon wieder vor dem Sozialismus. Der Staat schenkt den Deutschen Geld, damit sie Autos kaufen. Die Politik rechnet nur noch in Milliarden.

Seit Wochen haben Weidmann und seine Kollegen 16-Stunden-Tage. Im Finanzministerium lassen sich jetzt auch Routiniers krankschreiben, weil sie den Druck nicht mehr aushalten. Seit dem 15.September 2008, als in den USA die Lehman-Bank zusammenbrach, schläft Jens Weidmann nur noch wenige Stunden pro Nacht. Seit ein paar Tagen nimmt er Halstabletten, er hat sich eine Erkältung eingefangen. Er muss auf sich aufpassen.

Als Josef Ackermann in Tutzing am Starnberger See aus dem Auto steigt, verfolgt ein Kamerateam jeden seiner Schritte. Er trägt einen dunklen Anzug mit Krawatte und eilt in die Evangelische Akademie. Es ist Mitte März, Ackermann soll über Profit und Moral reden. Der Chef der Deutschen Bank spricht frei an diesem Morgen, er sagt viele Sätze, die auch Jens Weidmann sagen würde: Die Banken hätten Fehler gemacht, das Risikomanagement und die Vergütungsstrukturen müssten geändert werden. Mehr Regulierung sei nötig, "die ganze Finanzmarktarchitektur muss verändert werden", sagt Ackermann und bietet all seinen Charme auf: sein Lächeln, seine Rehaugen, sein Schweizerdeutsch. Er weiß, dass die Steuerzahler überall auf der Welt gerade für die Rettung der Banken einstehen. Und er hat gelernt, darauf Rücksicht zu nehmen.

Aber die meiste Zeit erklärt er, was in der Vergangenheit alles richtig gewesen sei. Sein Renditeziel von 25 Prozent beispielsweise, denn die Gewinne der guten Jahre hätten seine Bank stark gemacht für die heutige Krise. Er verteidigt auch die Boni für Investmentbanker. "Weil Sie nur vorn mitspielen, wenn Sie die Besten haben." Er will zwar neue Regeln, aber nicht zu viele. "Wenn Sie beim Fußball die Regel so ändern, dass alle Spieler mindestens fünf Meter Abstand halten müssen…ja, dann haben Sie vielleicht ein harmonisches Spiel – aber Sie werden nicht mehr Weltmeister."

Es ist ein selbstbewusster, unterhaltsamer Redner, der in der Akademie über die Lehren der Finanzkrise spricht, einer, der den Staat lächelnd dazu bringen will, weiter nach seinen Regeln zu spielen.

Es ist nach Mitternacht, als Jens Weidmann ein Auto der Fahrbereitschaft ruft, das ihn wie jeden Abend aus dem Kanzleramt in seine Berliner Wohnung bringt. Weidmanns Frau und die beiden Kinder wohnen in einem kleinen Dorf im Rheingau. Weidmann schafft es immer seltener, sie zu sehen – die Krise. Weidmann nimmt seinen Mantel von der Garderobe und betritt einen der Aufzüge mit den petrolgrünen Metallwänden. Im ersten Stock steigt er aus und verlässt das Zentrum der Macht durch die riesige leere Eingangshalle, die aussieht wie das Foyer eines großen Krankenhauses.

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Schon am nächsten Morgen um acht soll Weidmann den Staatssekretär des Finanzministeriums zu einem Arbeitsfrühstück treffen. Die beiden müssen den G-20-Finanzgipfel am 2. April in London vorbereiten. 40 Billionen Euro sind nach Berechnungen der Asiatischen Entwicklungsbank ADB durch die Krise allein an Vermögenswerten vernichtet worden. Es wird erwartet, dass die weltweite Industrieproduktion um 15 Prozent zurückgehen wird, so stark wie seit dem Crash im Jahr 1929 nicht mehr. Weltweit werden, schätzt die Internationale Arbeitsorganisation ILO, in diesem Jahr zusätzlich mehr als fünfzig Millionen Menschen arbeitslos. In London wollen die Vertreter der zwanzig größten Industrie- und Schwellenländer Regeln finden, damit sich ein solches Desaster niemals wiederholt – auch Regeln, die den Banken nicht gefallen. Es ist ein ungewöhnlicher Kampf: Politik und Banken waren noch nie so entzweit wie in diesen Wochen – und noch nie waren sie so sehr aufeinander angewiesen. Weil der Staat funktionierende Banken braucht und die Banken einen funktionierenden Staat. Jens Weidmann ist in ein merkwürdiges Duell geraten. Ein Duell, in dem es keine Leichen geben darf.

Es war der 25. September 2008, als Weidmann die Krise voll erfasste. Jörg Asmussen, der Staatssekretär des Finanzministers, wollte ihn dringend sprechen. "Der Hypo Real Estate geht in fünf Tagen das Geld aus", sagte Asmussen, gerade habe ihn Axel Weber angerufen, der Präsident der Bundesbank. Die Münchner Bank hat eine Bilanzsumme von über 400 Milliarden Euro, so viel wie Lehman Brothers. Weidmann und Asmussen erfuhren jetzt, dass die Hypo Real Estate mit allen großen deutschen Banken Geschäfte gemacht hatte, jeder war mit jedem verbunden. Einen zweiten Fall Lehman würde die Welt nicht verkraften, das war beiden klar. In den vergangenen Tagen hatten sie staunend dabei zugesehen, wie der Geldfluss zwischen den Banken auf der ganzen Welt schneller einfror als jeder Dorftümpel. Übrig geblieben war der Staat als einziger Geldgeber, als einziger handlungsfähiger Akteur.

Und der Staat, das sind sie.

Eine Schlussfolgerung, die Weidmann und Asmussen erschrecken lässt. Denn bisher wollten sie meist weniger Staat, nicht mehr.

Jens Weidmann arbeitete nach dem Studium der Volkswirtschaft beim Internationalen Währungsfonds. Später wurde er Leiter der Abteilung Geldpolitik bei der Bundesbank. Er ist Empiriker, er hat sich sein Leben lang an Datenreihen orientiert. Er wollte den Markt beobachten, nicht beeinflussen. Im Kanzleramt hat er dann in Vermerken zur Erbschaftsteuer oder zu Managergehältern aufgeschrieben, warum wenig Staat besser ist als viel Staat.

Jörg Asmussen kam vor 15 Jahren ins Finanzministerium. Schon mit 37 Jahren leitete er die Abteilung Finanzmarktpolitik. Er hat Banken gestattet, ihre Kreditforderungen zu verbriefen, jene Finanzprodukte, die die Krise mitverursacht haben. Asmussen tolerierte die Gründung sogenannter Zweckgesellschaften, auf die die Finanzaufsicht nicht zugreifen kann. Er half, Hedgefonds ins Land zu holen, und unterstützte das Projekt "Seitenwechsel": Drei Dutzend Banker wurden für mehrere Monate ins Ministerium eingeladen, damit sie an den Gesetzen, die ihre Branche betreffen, mitarbeiteten.

Asmussen, der Norddeutsche, Sohn einer Lehrerin und eines Feuerwehrmannes, und Weidmann, der Süddeutsche, Sohn einer Lehrerin und eines Ingenieurs, kennen sich seit ihrem Studium in Bonn. Axel Weber, der heutige Bundesbankpräsident, war damals ihr Professor. Die Wahrscheinlichkeit, dass Weidmann, Asmussen und Weber gleicher Meinung sind, ist seit dieser Zeit sehr groß. Nun müssen sie alle drei gemeinsam ihren Blick auf den Staat, den Markt und die Banken verändern.

Am 27. September 2008 beginnt ein Pokerspiel, das bis heute andauert: Wie viel Geld müssen die Banken für die Rettung des Finanzsystems zahlen, wie viel die Steuerzahler? Jens Weidmann und Jörg Asmussen eröffnen das Spiel mit einem Bluff. Während sich die wichtigsten deutschen Bankchefs in einem tristen Verwaltungsbau in der Lurgiallee in Frankfurt treffen, in der Außenstelle der Bundesagentur für Finanzdienstleistungsaufsicht, um dort über die Rettung der maroden Hypo Real Estate zu beraten, tun Weidmann und Asmussen so, als hätten sie die Dimension der Krise nicht begriffen.

Josef Ackermann feiert seinen 60. Geburtstag im Kanzleramt

Sie wollen nicht den Eindruck erwecken, der Staat springe unter allen Umständen ein. Asmussen verbringt den Tag bei seiner Familie in Berlin, Weidmann verabredet sich mit seiner Frau in Hamburg. Im Minutentakt schlägt Weidmanns Telefon Alarm, jedes Mal ist ein anderer Banker dran. Alle fragen ihn dasselbe: "Haben Sie nicht kapiert, was los ist?" Auch Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, ruft an. Franzosen, Engländer, Niederländer und immer wieder aufgebrachte Parlamentarier, die darauf drängen, die angeschlagene Bank zu retten.

Währenddessen verhandeln die Banker in Frankfurt über das Geld, mit dem sie sich an dieser Rettung beteiligen wollen, finden keine Lösung, bis zum Samstagabend nicht, bis zum Sonntagvormittag nicht. Sie verhandeln nur halbherzig – das ist jetzt ihre Methode des Pokerns. Mit jedem Tag, der verstreicht, treiben sie den Staat in die Enge und drücken ihren Einsatz.

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Am Sonntagnachmittag fährt Weidmann zurück ins Kanzleramt, Finanzminister Steinbrück und sein Staatssekretär Asmussen fliegen nach Frankfurt. Ackermann und Steinbrück brüllen sich an, Ackermann verlässt zweimal den Saal. Erst als die Kanzlerin spät abends mit Ackermann telefoniert, gelingt die Einigung. Die privaten Banken stellen Bürgschaften von 4,5 Milliarden zur Verfügung. Der Staat 26,5 Milliarden Euro.

Was gut ist für die Banken, ist gut für Deutschland. So einfach schien die Gleichung vor dem Beginn der Krise zu sein. Weltweit wucherten die Finanzmärkte, und Deutschland wollte dabei sein. Es sah so leicht aus, reich zu werden. Zwischen 1990 und 2005 hatte sich der Umsatz an den Börsen weltweit verzehnfacht. Im Jahr 2007 wurden auf den Devisenmärkten täglich drei Billionen Dollar gehandelt, das ist mehr als das deutsche Bruttosozialprodukt. Der Staat räumte den Banken und anderen Unternehmen alle Hürden zur Seite und ermöglichte ihnen so, immer größere Gewinne zu machen. Er machte sich bereitwillig klein. 648 Beschäftigte im Finanzministerium erhielten im Jahr 2008 zusammen knapp 350.000 Euro Leistungszulagen. Der Chef der Deutschen Bank bekam im Jahr zuvor einen Bonus von fast 13 Millionen Euro.

Als Josef Ackermann im Februar 2008 sechzig Jahre alt wird, richtet Angela Merkel ein Essen für ihn im Bankettsaal des Kanzleramts aus. 25 Gäste seiner Wahl darf Ackermann einladen. Wenn er zu früh zu einem Termin ins Kanzleramt kommt, lässt man ihn nicht auf dem Flur warten wie jeden anderen Gast, sondern führt ihn in eines der Büros im Seitenflügel, die eigentlich Staatsgästen vorbehalten sind. Wenn Merkel die Vorstandschefs der wichtigsten deutschen Konzerne zum Essen einlädt, stehen die Ersten manchmal schon vor dem Dessert auf – Termine, Termine! – und eilen zum Privatflugzeug.

Die Angst, dass die Banken ihn über den Tisch ziehen würden, begleitet Jens Weidmann seit dem vergangenen Herbst. Sie steigert sich, als sich am 5. Oktober herausstellt, dass die Hypo Real Estate kurz nach ihrer vermeintlichen Rettung noch einmal 15 Milliarden Euro braucht. Kein Banker spricht offen über seine Zahlen. Die Politik bekommt immer erst dann einen Einblick, wenn ein Geldhaus kurz vor dem Kollaps steht. Sie steht vor einem großen schwarzen Loch, dessen Boden sie nicht sieht. Wie soll Weidmann wissen, worauf er sich da einlässt? Er ist kein Buchprüfer, und die Bilanz einer Bank zu beurteilen kostet selbst Experten Wochen. Plötzlich ist der Staat ein Getriebener geworden, bedrängt von Gerüchten und Katastrophenszenarien, unterwegs auf unbekanntem Terrain.

Weidmann weiß nicht einmal mehr, ob er den Bankern Verantwortungsgefühl zutrauen kann. Selbst jetzt, da ihre eigene Zukunft auf dem Spiel steht, versuchen einige noch, sich aus der Affäre zu ziehen.

Es ist der 6. Oktober, als Kanzleramtschef de Maizière den Chef der Hypo Real Estate, Georg Funke, zu sich nach Berlin zitiert. In einem kleinen Eckzimmer oben im Kanzleramt bauen sich gleich sechs Vertreter des Staates gegenüber dem Bankchef auf: Peer Steinbrück, Finanzminister, Axel Weber, Chef der Bundesbank, Jochen Sanio, oberster Finanzaufseher des Bundes, Jörg Asmussen, Jens Weidmann und Thomas de Maizière selbst. Die sechs fragen den Banker aus wie einen Schuljungen, der etwas ausgefressen hat. Funke gibt ein jämmerliches Bild ab: Keine der Fragen zu seinem Unternehmen kann er beantworten. Nach einer Stunde verliert der sonst so beherrschte de Maizière die Geduld und fährt Funke an: "Sie müssen Ihr Amt niederlegen." Am nächsten Tag tritt Funke zurück.

Hinter de Maizières Schreibtisch hängt ein Regal, vollgestopft mit Fachbüchern, mittendrin Jim Knopf von Michael Ende. Es erzählt die Geschichte des Scheinriesen Tutur, der aus der Ferne beängstigend groß aussieht, doch aus der Nähe hilflos und klein. De Maizière wird die Tutur-Passage in den folgenden Wochen gern verschicken. Immer wenn er an Leute wie Funke denkt.

De Maizières Büro ist nur wenige Schritte von dem der Kanzlerin entfernt. Hier oben, im siebten Stock, ist es meistens unnatürlich still. Von seinem Schreibtisch aus schaut der Kanzleramtschef auf den Hauptbahnhof. In den hektischen Oktoberwochen kann er diesen Blick manchmal schwer ertragen, all diese Menschen, die unbeirrt ihre Koffer und Einkäufe tragen. "Wir mussten das Land retten mit unvorstellbaren Beträgen", sagt er. Aber man sieht da draußen niemanden, der gerettet werden will. Der Kanzleramtschef wacht in dieser Zeit häufig auf, bevor der Wecker klingelt.

Plötzlich ist die Kanzlerin bereit, dem Sparkassenpräsidenten zuzuhören

Merkel und de Maizière kennen sich seit Merkels ersten Tagen in der Politik. Beide duzen sich. Wenn Gäste kommen, sitzt de Maizière grundsätzlich neben der Kanzlerin.

An jenem Abend, an dem der Banker Funke ins Verhör genommen wird, ist noch ein anderer Gast im Kanzleramt. Für ihn hat de Maizière die Rotweingläser abstauben lassen. Josef Ackermann ist gerade vom amerikanischen Finanzminister gekommen. De Maizière und Ackermann gehen zusammen in Angela Merkels Büro. An jenem Abend erklärt Ackermann der Kanzlerin seinen Wunsch, die Bilanzierungsregeln zu ändern. Er möchte die derzeit wertlosen Papiere in den Büchern der Banken mit einem höheren Wert auszeichnen. Denn die Krise hat dazu geführt, dass selbst als sicher geltende Anlagen wie Staatsanleihen plötzlich viel weniger wert sind.

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Ackermann will so tun, als sei die Blase nie geplatzt. Der IASB in London – das Gremium, das die Regeln für die internationale Bilanzierung festlegt – ändert tatsächlich noch im Oktober die Regeln. Ein guter Termin für die Deutsche Bank, die Ende des Monats ihre Zahlen veröffentlicht – und mitten in der Krise noch einen Quartalsgewinn von 414 Millionen ausweist.

Erklärt die Kanzlerin nun die neuen Regeln, verwendet sie einen bildlichen Vergleich: "Wenn Sie einen Weinkeller mit 5000 Flaschen haben, die jeweils 150 Euro wert sind, und nur eine davon für 10 Euro verkaufen, wird der ganze Bestand nach diesem Preis bewertet." Genau so hatte es ihr Ackermann beschrieben.

Der Chef der Deutschen Bank wird Merkels Übersetzer für die fremden Begriffe der Krise. "Knockout-Warrants", "Credit Default Swaps", all diese komplizierten Konstruktionen, die das Geldverdienen so leicht erscheinen ließen, erklärt Ackermann der Kanzlerin.

Zu kaum einem anderen Topmanager hat sie einen so engen Draht wie zu ihm. Anders als ihre Vorgänger hat Merkel Politik nie ohne Globalisierungsstress erlebt – für sie sind Manager von Konzernen oft selbst Getriebene. Beide, der Schweizer und die Ostdeutsche, waren Außenseiter, bevor sie sich durchgesetzt haben. Beide haben einen kühlen, unsentimentalen Blick auf die alte Wirtschaftsordnung des Landes, den in ihren Augen muffigen rheinischen Kapitalismus.

In jener Oktoberwoche sucht auch Merkels Parteifreund Heinrich Haasis, der Präsident des Sparkassenverbandes, Kontakt zur Kanzlerin. Und die ist plötzlich bereit, ihm zuzuhören. Über all die Jahre hat er seine Branche genervt mit ewigen Mahnungen. Wie ein Spielverderber stand er auf der großen globalen Finanzparty herum. Heinrich Haasis ist 63 und seit 27 Jahren bei der Sparkasse, er spricht breiteres Schwäbisch als Jürgen Klinsmann und trägt Krawatten, die von einem Versicherungsverkäufer aus den Achtzigern stammen könnten. Auf den Brusttaschen seiner Hemden sind seine Initialen HH eingestickt.

Bei den Jahrestagungen des Internationalen Währungsfonds in Washington stellte sich Haasis vor die Mikrofone und warnte: 2005 vor den Folgen der Immobilienblasen in Amerika, Spanien und England, 2006 vor zu großen und unübersichtlichen Einheiten im Bankensektor. Alle belächelten ihn. Der Haasis verstehe es nicht, hieß es, der stoße nicht in die moderne Welt vor.

Die moderne Welt, das war Ackermann. Doch jetzt steht das Telefon bei Haasis nicht mehr still. Als Herr über das dicht geflochtene Netz der Sparkassen ist er ein entscheidender Seismograf in der Krise. Aus dem ganzen Land melden aufgeregte Filialleiter, dass nervöse Kunden große Summen von Sparkassenkonten abheben. Haasis glaubt zuerst an einen Scherz. Aber die Sparkassenleute klingen ernst. 40 Milliarden Euro Verlust hätten in dieser Woche allein die Fonds gemacht, weil die Leute ihr Geld daraus abgezogen hätten. Ältere Damen, melden die Filialen, heben 20.000 Euro in bar ab – um zu sehen, ob das Geld noch da ist. Haasis ist alarmiert. Was, wenn sich Menschenschlangen vor Geldautomaten bilden und das Fernsehen diese Bilder zeigen sollte? Haasis informiert das Kanzleramt.

Am nächsten Tag tritt Angela Merkel vor die Kameras und verspricht den Deutschen, dass ihre Einlagen sicher seien. Sie nennt 568 Milliarden Euro an Garantien für die Spareinlagen. 568 Milliarden, von denen niemand weiß, wo sie im Ernstfall aufzutreiben wären.

So geht das Spiel über Wochen, über Monate, und der Druck auf die Politiker wird immer stärker. Die Zeitungen kritisieren die Kanzlerin wegen ihres zögerlichen Krisenmanagements. Bei der Wahl in Hessen am 18. Januar laufen CDU-Wähler in Scharen zur FDP über. Parlamentspräsident Norbert Lammert beschwert sich im Kanzleramt, dass Fragen der Abgeordneten nicht beantwortet würden. Der Autolobbyist Matthias Wissmann verkündet ständig neue Hiobsbotschaften. Und die Vorstände der Postbank genehmigen sich Boni in Höhe von 11,5 Millionen Euro.

Tag für Tag neue Prognosen, die Wochen später schon wieder überholt sind, mehr Fragen als Antworten – auch Jens Weidmann, der Merkels Kompass sein sollte, droht die Orientierung zu verlieren. "Die Krise hat unsere Vorstellung von den Selbstheilungskräften der Märkte tiefgreifend verändert", sagt er. Die Zahlen gehorchen nicht mehr. Weidmann war es gewohnt, aus ihnen die Zukunft abzuleiten. Dass die Geldmenge besorgniserregend zugenommen hatte, war ihm zwar aufgefallen, aber er ahnte nicht, was das bedeutete. Die Aktien- und Immobilienpreise stiegen. Weidmann sagte eine Blase voraus, dachte dabei aber eher an ein Bläschen. An die Stelle der Zahlen müsste jetzt eine politische Idee treten. Aber hat die Kanzlerin eine? Die Banken vorübergehend komplett verstaatlichen? Das wäre nicht politisch durchsetzbar. Und wer sollte verstaatlichte Banken führen? Weidmann?

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Der März 2009 bricht an, in Weidmanns Vorzimmer meldet die Rohrpostanlage im Minutentakt, dass neue Eilpost da ist. Die Abteilung ist zu klein, um die Flut noch zu bewältigen. Das Gesetz zur Finanzmarktstabilisierung musste von einer privaten Anwaltskanzlei vorformuliert werden.

Die Krise hinterlässt ihre Spuren. Weidmann hustet. Um den Sockel seiner Schreibtischlampe steht eine ganze Batterie Grippemittel.

Weidmann hat ein paar Tage in Washington verbracht, mit Obamas Wirtschaftsberater Larry Summers hat er gesprochen, 45 Minuten im Weißen Haus. Den Deutschen hat überrascht, wie spontan die Amerikaner mit der Krise umgehen. Die Amerikaner kündigen etwas an, auch wenn sie es später zurücknehmen müssen. Die Deutschen dagegen denken lange nach und geben den Banken damit Gelegenheit, sich in Stellung zu bringen.

"Wir haben uns blenden lassen", sagt ein hochrangiger Beamter

Ackermann verlangt immer lauter die sogenannte Bad Bank, eine staatliche Bank, in der die Banken ihre wertlosen Papiere wie Giftmüll entsorgen können. Man solle es bei der Regulierung jetzt nicht übertreiben, warnt der deutsche Bankenverband. Und Ackermann mahnt die Politiker, ihr Engagement in der Finanzbranche zeitlich zu begrenzen. Es ist wieder viel von Fordern die Rede, von Erwarten und Müssen. Als wären die Banken der Koch und der Staat der Kellner.

Aber die Regierung lehnt die Bad Bank noch ab. Der Kampf um die Herrschaft über das Geld ist ein asymmetrischer Kampf. Der Chef der Deutschen Bank ist rund 500.000 Aktionären verpflichtet, Angela Merkel 80 Millionen Bürgern.

"Herr Ackermann ist natürlich auch ein harter Vertreter seiner Interessen", sagt Kanzleramtschef de Maizière. Er hat nicht vergessen, dass es Ackermanns Deutsche Bank war, die der bankrotten Mittelstandsbank IKB in letzter Minute noch einen Haufen riskanter Kredite untergejubelt hatte. Die Kosten musste der Steuerzahler tragen.

Für die Hypo Real Estate sind inzwischen 102 Milliarden Euro bereitgestellt worden, das ist etwa ein Drittel des Bundeshaushalts. Aber Georg Funke, ihr ehemaliger Chef, klagt vor dem Münchner Landgericht auf Gehaltsnachzahlung. Muss man das hinnehmen?

Jörg Asmussen sitzt weit zurückgelehnt im schwarzen Ledersessel seines Büros im Finanzministerium. Er ist selbstsicher, lässig, immer ein wenig jovial, und er lässt gerne die Namen der Großen in seine Erläuterungen fallen – "Ich kenne US-Finanzminister Tim Geithner schon lange… war mit Goldman-Sachs-Chef Blankfein frühstücken… jetzt ist schon wieder das Büro Summers auf der Mailbox." Asmussens Haare sind fast kahl geschoren, er trägt eine kleine, helle Plastikbrille und einen gut sitzenden grauen Anzug. Er sieht aus wie ein Party-Promoter.

Fragt man ihn, wie er die Konfliktlinie zwischen Banken und Staat beschreiben würde, dann fragt er zurück: "Nach einer Konfliktlinie zu fragen ist doch künstlich, oder?"

An einer Wand in Asmussens Büro hängt ein Zitat von Henry Ford: "Das Geheimnis des Erfolges ist, den Standpunkt des anderen zu verstehen." Hat Asmussen den Standpunkt der anderen vielleicht ein bisschen zu lange ein bisschen zu gut verstanden? Er war Mitglied im Gesellschafterbeirat der "True Sale Initiative", die das Verbriefungsgeschäft in Deutschland etablieren und fördern wollte – eben jene Verbriefungen, die die Krise mit verursacht haben. Und er war im Aufsichtsrat der IKB, in deren Bilanzen so viel wertlose Papiere waren, dass sie nur mit 10,5 Milliarden Euro gerettet werden konnte. Warum hatte er so viel Vertrauen in diesen Markt, der so enorm groß und gleichzeitig so unreguliert war? Asmussen schweigt. Dann zuckt er mit den Schultern.

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Muss man nicht die Gründe für seine Fehler kennen, damit man sie beim nächsten Mal vermeiden kann?

"Wir haben uns blenden lassen", sagt ein anderer hochrangiger Mitarbeiter im Finanzministerium. "Wir alle. Wir dachten tatsächlich, es würden Werte geschaffen, und wenn doch mal jemand mehr Kontrolle forderte, haben die Banker gleich gedroht: Entweder ihr lasst uns in Ruhe, oder wir müssen ins Ausland gehen. Wir haben uns erpressen lassen." So könnten es Asmussen und Weidmann niemals ausdrücken, selbst wenn sie es dächten. Schon gar nicht jetzt.

Denn nun tagt der G-20-Gipfel, die Schlacht um die Köpfe hat begonnen, um die Wähler. Merkels Kanzleramtschef de Maizière sitzt in einer Dienstlimousine der Bundesregierung, lässt sich nach Bonn fahren und blättert im Generalanzeiger. "Die Abwrackprämie läuft wirklich toll", sagt er, aber zufrieden klingt er nicht.

Und sonst? Die Politik hat Macht zurückerobert von den Banken, ein wenig Macht. Der Vorstand der Deutschen Bank verzichtet auf Bonuszahlungen. Die Politik hat die Banken stabilisiert. Und sie ist dabei, eine ihrer schärfsten Maßnahmen zu beschließen, die Enteignung einer Bank.

Tritt Martin Blessing, der Chef der teilweise verstaatlichten Commerzbank, jetzt zusammen mit Finanzminister Steinbrück in Talkshows auf, lässt der Banker dem Politiker den Vortritt. Der Minister redet, der Manager hört zu.

Als sich Jörg Asmussen, der Staatssekretär des Finanzministers, auf den Weg nach London macht, wo bald der G-20-Gipfel beginnt, trägt er in seiner Aktentasche einen Ordner mit dem Plan für die Finanzwelt der Zukunft, so, wie Deutschland sie sich vorstellt: weg mit den Steueroasen, mehr Regelungen für die Bankenwirtschaft, mehr Staat. Eine historische Chance, ein möglicher Triumph der Politik. Aber aus den Zeitungen hat Asmussen an diesem Morgen erfahren, dass die Engländer noch vor dem Gipfel ein großes Treffen allein mit Bankern abhalten. Noch bevor der deutsche Finanzminister mit dem britischen Regierungschef redet, hat schon ein anderer bei Gordon Brown gesessen – Josef Ackermann.