Endlich wird wirklich etwas gegen Doping getan!" Roland Gusenbauer, langjähriger Generalsekretär des Österreichischen Leichtathletik-Verbands, atmet auf. Der leidgeprüfte Funktionär weiß, in welchem Umfang österreichische Spitzensportler zu verbotenen leistungssteigernden Substanzen greifen. Und er weiß auch um die Rücksichtslosigkeit, die in der Dopingbranche herrscht. "Würde ich auspacken, wäre ich wohl bald tot", sagt der ehemalige Trainer und Exmann der Hochsprung-Europameisterin Ilona Gusenbauer: "Diese Leute sind skrupellos, es geht um sehr viel Geld."

Nun geht es aber Schlag auf Schlag in der Dopingaffäre, bei der seit zwei Wochen langsam Licht in die Netzwerke der Spritzensportler und ihrer Hintermänner dringt. Zuletzt schlugen die Fahnder in Laakirchen in Oberösterreich zu. In der Nacht von Montag auf Dienstag verhafteten sie den Sportmanager Stefan Matschiner, kaum dass er von einem Ausflug nach Florida in die Heimat zurückgekehrt war, durchsuchten das Gebäude und beschlagnahmten Computer. Es war die insgesamt achte Verhaftung in der laufenden Untersuchung. Von ihrem jüngsten Fang erhoffen sich die Beamten der neuen Soko Doping Einblicke in die Machenschaften des lukrativen Gewerbes. Noch leugnet der einstige Mittelstreckenläufer jedoch die zentralen Punkte der Vorwürfe.

Matschiner, der ehemalige Manager des Radprofis Bernhard Kohl, der im vergangenen Jahr, beschleunigt durch das Glykoprotein-Hormon Epo, auf den dritten Gesamtrang der Tour de France gestrampelt war, soll allerdings eine der Schlüsselfiguren der Szene sein und sogar über ein eigenes Labor für Eigenblutdoping verfügen. Das hat sein Exschützling Kohl nun auch erstmals öffentlich bestätigt. Seit 2005 soll ihn Matschiner mit Dopingprodukten versorgt haben. Damit schließt sich Kohl den Behauptungen der Triathletin Lisa Hütthaler an. Die 25-jährige Niederösterreicherin, derzeit selbst wegen Epo-Konsums gesperrt, erzählte vergangene Woche Details aus ihrer Dopingkarriere. An den Sportmanager und Epo-Lieferanten Matschiner (Übergabe auf Autobahnparkplätzen bei Linz) sei sie über Vermittlung von Andreas Zoubek, einem Arzt am Wiener St. Anna Kinderspital, geraten. Der habe ihr die ersten Spritzen in seinem Spitalszimmer verpasst. Gratis. "Er hat allerdings auch nichts dafür bezahlt, weil die Präparate aus dem Krankenhaus stammten", sagt Michael Dimmel, der Extrainer von Hütthaler.

"Zoubek kannte aber auch seine Grenzen und hat Lisa weitervermittelt", erzählt Dimmel. Der umtriebige Manager Matschiner ist von einem ganz anderen Kaliber als der altruistische Mediziner. "Lisa war stolz, dort mit einem Weltmeister an einem Tisch sitzen zu dürfen", berichtet Dimmel. Matschiner, der unter anderem viele kenianische Langstreckenläufer unter Vertrag hat, muss seit mehreren Jahren einschlägig aktiv gewesen sein. Der ZEIT liegt die eidesstattliche Erklärung eines Sportlers aus dem Jahr 2003 vor: "Ich riskierte einen Blick in den Kühlschrank (von Matschiner, Anm. d. Red.). Und tatsächlich: Ich fand 3 Spritzen mit folgender Aufschrift: NeoRecormon 10000 IV/IE/UI Epoetin beta ." Ein anderer Zeuge will bei dem 33-jährigen Oberösterreicher sogar bereits 2001 Epo-Ampullen entdeckt haben.

Erstmals können Dopingfahnder nun Dealer observieren und abhören

Matschiner dürfte tatsächlich eine zentrale Figur sein - "Spinne im Dopingnetz" nannte ihn die FAZ. Bis 2004 leitete er gemeinsam mit Manfred Kiesl die International Sports Agency AG. Kiesl musste 2001 eine Finanzstrafe entrichten, nachdem Wachstumshormone und Anabolika in dem gemeinsamen Haushalt sichergestellt wurden, in dem er mit seiner Frau, der heutigen oberösterreichischen Landtagsabgeordneten und Olympiadritten über 1500 Meter von 1996, Theresia Kiesl, lebt. Bei den Olympischen Winterspielen von Turin 2006 war Matschiner als Gast von Walter Mayer, dem angeblichen "Vater des Langlaufwunders", anwesend, als eine Razzia der Carabinieri im Quartier der österreichischen Langläufer die heimische Sportszene in ein schiefes Licht brachte. Im Vorjahr wurde einem weiteren Klienten Matschiners, dem niederländischen Europarekordler über 3000 Meter Hindernislauf, Simon Vroemen, der Gebrauch eines anabolen Steroids nachgewiesen.

Matschiners Geschäfte waren seit Jahren bekannt. Doch erst das Antidopinggesetz vom vergangenen August ermöglichte es, dem verschwiegenen Treiben auf die Schliche zu kommen. "Endlich können wir jetzt die Dealer observieren und ihre Telefone abhören", sagt ein Fahnder. Er war bis Ende des Vorjahrs als Einziger im Bundeskriminalamt für Dopingdelikte zuständig. Seit Januar arbeiten nun zehn Mitarbeiter einer Soko an den Fällen. Außerdem verfügt jetzt die Antidopingagentur Nada über die Möglichkeit, ertappten Dopern bis zu drei Viertel ihrer Sperre nachzulassen, wenn sie plaudern.

Öffentlichkeit und Funktionäre haben begonnen umzudenken. Doping gilt nicht länger als Kavaliersdelikt, sondern als gewerbsmäßiger Betrug. Auch Norbert Darabos, der neue Sportminister, legt überraschende Härte an den Tag. Ertappte Dopingathleten müssen nun ihre staatlichen Fördergelder zurückzahlen, und der unscheinbare Burgenland-Kroate will zudem eine heilige Kuh des Sportrechts schlachten: "Auch Sportler sollen strafrechtlich verfolgt werden können." Eine Reform, die von allen fünf Parlamentsparteien vehement abgelehnt wird, obwohl beispielsweise die italienische ebenso wie die französische Justiz Dopingsündern mit Haftstrafen droht.

"Ich verstehe nicht, was er damit will. Wir wollen keine Sportler in Handschellen", meint SPÖ-Sportsprecher Hermann Krist. Auch der Präsident der mächtigen Bundessportorganisation, Peter Wittmann, ebenfalls ein Parteifreund des Ministers, widerspricht: "Dem werden wir niemals zustimmen." Zwischen Darabos und Wittmann, berichten Ohrenzeugen, sei es in dieser Frage wiederholt zu Schreiduellen gekommen.