Frisch gedruckt: bündelweise Dollarnoten im Washingtoner "Bureau of Engraving and Printing" © Mark Wilson/Getty Images

Die größte Schieflage der Weltwirtschaft steht beim dieswöchigen Gipfel der G-20-Staats- und Regierungschefs in London auf keiner Tagesordnung. Das erscheint ein wenig merkwürdig, denn es geht ums Geld. Es geht um die Frage, ob die Staatengemeinschaft in Zukunft noch dem Dollar vertrauen kann, um Geschäftsvorgänge abzurechnen und Rücklagen zu bilden, obwohl die USA jahrzehntelang über ihre Verhältnisse gelebt haben und nun zur Rettung ihrer Konjunktur die Notenpresse anwerfen wie nie zuvor. Wie gesagt, das soll bei den G20 in London nirgendwo besprochen werden.

Die Chinesen haben sich nicht davon abhalten lassen, trotzdem zu reden. Und zwar für ihre Verhältnisse sehr laut. Am Montag vor einer Woche, um 17.35 Uhr Ortszeit, während in aller Welt fieberhafte Vorbereitungen für den G-20-Gipfel liefen, stellte die Zentralbank des Landes einen Essay ihres Chefs Zhou Xiaochuan ins Netz – in englischer Übersetzung. Titel des Papiers: "Die Reform des internationalen Währungssystems". Der chinesische Notenbankchef forderte, kurz gesagt, die Ablösung des US-Dollar als Leitwährung. In den Hauptstädten des Westens war man einigermaßen überrascht. Was wollten die Chinesen damit erreichen?

Auf diese Frage gibt es keine einfache Antwort. China hat ein Riesenproblem mit seinem riesigen Berg von Dollarbündeln. Das Land hat fast 2000 Milliarden Dollar gesammelt. Klar, dass sie Angst haben, der Kurs des Greenback könnte irgendwann abstürzen. Anleger und Notenbanken könnten ihre Dollarreserven verkaufen, weil sie nicht mehr an die Erholung der US-Wirtschaft glauben oder weil sie mit einer Geldentwertung wegen der gigantischen Ausgabenprogramme Obamas rechnen. Dann würde der Dollarkurs fallen und fallen.

Zwischen China und den USA entstand die Mutter aller Schieflagen

"China sorgt sich um den Wert seiner Reserven", sagt auch Arvind Subramanian, Währungsexperte am Peterson Institute for International Economics in Washington. Er sagt auch, dass das nur ein Teil der Geschichte ist. Dass Peking selbst Schuld an seinem Dollarberg hat – und Mitschuld an der prekären Lage Amerikas. Denn der Anstieg der chinesischen Devisenreserven ist die direkte Folge einer sehr eigenwilligen wirtschaftspolitischen Strategie der Regierung. Über Jahre hinweg hat China am Devisenmarkt Dollar aufgekauft – überwiegend in der Form amerikanischer Staatsanleihen und sonstiger US-Schuldpapiere –, um den Kurs seiner eigenen Währung zu drücken.

Damit sollte die heimische Exportwirtschaft gefördert werden, die dank der Billigwährung auch tatsächlich ihre Waren günstig im Ausland verkaufen konnte. So entstand die Mutter aller weltökonomischen Schieflagen: 1988 hatte China noch mehr eingeführt als ausgeführt – zwanzig Jahre später betrug sein Exportüberschuss gigantische 399 Milliarden Dollar. Die halbe Welt freute sich über billige chinesische Waren, die USA freuten sich über massenhaften Kredit durch die chinesischen Dollarkäufe, und China selbst konnte dank seiner Exporterfolge das Land modernisieren. Wer für den Weltmarkt produziert, lernt schnell, neue Technologien und Trends für sich zu nutzen.