Das Metallteil, in dem das Schloss einer Autotür einrastet, wird in der Fachsprache Schließbügel genannt. Es besteht aus einem Keil, der mit zwei Bolzen auf einer schmalen Metallplatte befestigt ist. So ein Teil kostet etwa zwei Euro, und im Grunde ist es kaum der Rede wert. Aber vielleicht doch. Wenn man verstehen will, warum die Obama-Regierung solch gewaltige Probleme bei der Rettung der amerikanischen Autoindustrie hat, sollte man etwas über Schließbügel wissen.

Daryl Thomas weiß eine Menge über Schließbügel. Er ist der Leiter des Orion-Werkes der Firma Inteva. Der Zulieferbetrieb in Troy, einer Kleinstadt 30 Minuten von Detroit entfernt, fertigt Innenausstattungen für Autos an, also beispielsweise Armaturen und Teile für Türen. Sein größter Kunde ist General Motors (GM), aber auch viele andere Hersteller kaufen bei Inteva ein.

"Jeder Autohersteller hat eine eigene Form für den Keil", erzählt der Werksleiter Thomas, und das ist nicht die einzige Schwierigkeit bei der Fertigung. Es ist auch so, dass an der Entstehung eines Schließbügels sieben Unternehmen beteiligt sind, bevor er schließlich von den Arbeitern in der Endmontage verschraubt wird. Genau genommen, erledigt Inteva nur einen Arbeitsschritt in der Entstehungsgeschichte eines Schließbügels. Das Unternehmen bekommt die Einzelteile angeliefert und baut sie zusammen, dann reicht es den Bügel zum Verschweißen und Härten an zwei andere Betriebe weiter. Das ist typisch für die Automobilbranche und ihre Lieferanten. Kaum eine Branche ist durch ein derart dichtes Netz von Abhängigkeiten verbunden.

Und das ist genau das Problem, wenn man in diesen Tagen die amerikanische Automobilindustrie retten will – so wie der amerikanische Präsident. Barack Obama hat den Chef von GM, Rick Wagoner, zum Rücktritt gezwungen; zum Wochenbeginn wurde er durch seinen bisherigen Vize Fritz Henderson ersetzt. Die Automobilindustrie wird unter staatlicher Aufsicht neu geordnet. GM – zu dem in Deutschland Opel gehört – soll seine Sanierungspläne binnen 60 Tagen komplett überarbeiten. Was natürlich auch Rückwirkungen auf die Rettungspläne für Opel in Europa hat. Der kleinere Konkurrent Chrysler hat nur 30 Tage, um den geplanten Fusionsvertrag mit Fiat perfekt zu machen. Bis dahin gewährt Washington so viele Hilfen, dass eine unmittelbare Insolvenz verhindert wird, und nach Ablaufen der Frist soll es gar nichts mehr geben, wenn die Forderungen der US-Administration nicht erfüllt werden. Das sei eine "letzte Chance", versicherte Obama am Montag.

Das Problem dabei: Für Zulieferer wie Inteva gibt es keine solchen Überbrückungshilfen, und vielen Unternehmen dieser Branche droht schon jetzt das Aus. Sie leiden, weil ihre großen Kunden leiden. Viele Bänder bei den big three von Detroit – GM, Ford und Chrysler – stehen still, der Umsatz der Zulieferer ist dramatisch eingebrochen, und in den nächsten Wochen dürfte es noch schlimmer kommen. Je mehr Amerikaner ihre Jobs verlieren und je knausriger sich ihre Banken geben, desto weniger Autos kaufen sie auch. 2006 setzten die Autohersteller noch 17 Millionen Neuwagen ab, dieses Jahr dürften es gerade mal 9 Millionen werden. Erstmals seit 1945 rollen in Amerika weniger Wagen vom Hof der Händler, als auf dem Schrottplatz landen.

"Unsere Kunden sollen sich mit den Konkursverfahren vertraut machen"

"Wir raten unseren Kunden, sich mit den verschiedenen Konkursverfahren vertraut zu machen", sagt auch Doug Harvey, der bei der Beratungsfirma A.T.Kearney als Experte für Automobilzulieferer arbeitet. Zehn Jahre lang hat er solchen Firmen bereits dabei geholfen, trotz der vielen Krisen über Wasser zu bleiben. Doch inzwischen scheitern die üblichen Rezepte der Berater: noch mehr sparen, noch mehr Geld und Geduld bei den Banken heraushandeln.

Bei A.T.Kearney gehen sie inzwischen davon aus, dass bis zum Jahresende zwischen 35 und 70 Prozent der Zulieferunternehmen Insolvenzverfahren einleiten. "Ein Umsatzeinbruch von 50 bis 60 Prozent lässt sich einfach nicht durch Entlassungen und Einsparungen auffangen", sagt ein betroffener Unternehmer. "Das zerstört die Substanz."