An der Playa de Las Canteras, dem Stadtstrand von Las Palmas, sitzt ein alter Mann sandalenimsandversunken auf einem Klappstuhl im Schatten von Sektor 9. Er trägt weiße Shorts zum Polohemd, auf dem Kopf eine Schirmmütze, die sein Gesicht nicht davor bewahrt hat, sich zum Ton von Zimtstangen zu bräunen. Juan ist 72 Jahre alt. Er verleiht Strandliegen, sein halbes Leben schon. Tag für Tag sitzt er hier, im Rücken die Promenade und das Leihliegenlager, vor sich ein blaues Band, das seine Sandparzelle markiert, ein halbes Fußballfeld groß, und wenige Schritte weiter das Meer. Würde man ein Foto von vor 30 Jahren als Folie über diese Szenerie legen, ließen sich im Wesentlichen zwei Unterschiede zur Gegenwart ausmachen: Juan hätte mehr Zähne im Mund, und die Liegen zu seinen Füßen wären von Leibern bedeckt.

Es ist Samstag, Mittagszeit, an der Nordspitze von Gran Canaria. Elf Liegen hat Juan seit dem Morgen vermietet. Normalerweise, sagt er, müsste es um diese Zeit voll sein, "voll, voll, voll". Aber selbst auf den Gratisflecken zwischen den abgesteckten Arealen liegen nur wenige Touristen in der Sonne. Früher, sagt Juan, seien die Leute im Urlaub auch mal bereit gewesen, ein bisschen Geld auszugeben. "Und heute?" Er schnaubt. "Weder Touristen noch Geld." Und er glaubt nicht, dass sich das noch einmal ändert. Nicht zu seinen Lebzeiten.

Jahrzehntelang wurde auf den Kanarischen Inseln touristische Erfolgsgeschichte geschrieben. Innerhalb einer einzigen Dekade stieg die Zahl von 137000 Touristen, die 1964 Gran Canaria, Lanzarote und Fuerteventura besuchten, auf das Zehnfache. 2004 strömten 2,8 Millionen Urlauber allein nach Gran Canaria. Sie kamen aus den kalten, verregneten Ländern im Norden und fanden hier ein mildes Klimaparadies, ein Stück Europa vor der Küste Afrikas. Seit auch noch die Kanarische Befreiungsfront Ende der siebziger Jahre ihren bewaffneten Kampf eingestellt hat, schrumpfen die Restrisiken eines Urlaubs auf dem Archipel zu Gefahren, denen sich entspannt mit Lichtschutzfaktor 50 begegnen lässt.

Doch jetzt bleiben die Gäste aus. Elf Prozent weniger Besucher als im Vorjahresmonat zählten die Kanarischen Inseln im vergangenen Dezember, sieben Prozent Rückgang wurden im Januar vermeldet. Orlando Galindo, Inhaber einer Reiseagentur, die Tagestouren im Jeep organisiert, beziffert seine Einbußen sogar auf 40 Prozent. Draußen, vor der Tür seines klimatisierten Büros im Hinterland, halten die Mitarbeiter der "Camel Safari" ihre struppigen Höcker in die Sonne. Den Baracken auf dem Gelände ist anzusehen, wie sehnlich Galindo auf den Sanierungskredit wartet, den seine Bank ihm versprochen hat, vor Monaten schon. Man kann darüber streiten, ob es sich lohnt, in ein Unternehmen zu investieren, das seine Kunden mit dem Erlebnis lockt, mit einem Keks zwischen den Lippen eins der Kamele zu küssen. Aber daran, sagt Galindo, liege es nicht. "Wir können machen, was wir wollen. Die Leute haben einfach weniger Geld als früher."

Mit ihrer garantierten Schönwetterlage punkteten die Kanaren lange gegenüber der mediterranen Konkurrenz. In Zeiten der Wirtschaftskrise allerdings droht sich der Vorzug ins Gegenteil zu verkehren. Rund zweieinhalb Stunden dauert ein Flug von Frankfurt nach Palma de Mallorca, nach Las Palmas fliegt man doppelt so lang. Wenn dann noch die Spritpreise steigen, ist bei den Pauschalangeboten kein Spielraum mehr für Lockangebote. Aber die aktuelle Krise ist nicht der einzige Grund für den Gästeschwund. Eine weitere, wesentliche Ursache hockt tausendfach in Beton gegossen am Strand im Süden der Insel.

Es muss eine Zeit gegeben haben, in der man es goutierte, dass sich ein Einkaufszentrum mit Repliken von Holstentor, Schloss Neuschwanstein und Pariser Triumphbogen schmückt, dass auf der Höhe von Marokko deutsche Wirte deutsches Bier zu deutscher Wurst servieren. Doch mittlerweile haben viele Ladengeschäfte im Centro Comercial Cita in Playa del Inglés dichtgemacht. Nur die Eigentümer hielten an ihren Geschäften fest, sagt ein Lederwarenhändler. Wer hier Miete zahlen müsse, bekomme sein Geld nicht mehr herein.

An der Strandpromenade, zwischen Kiosken, Spielautomatenläden, Souvenirshops und Kneipen mit Weißbierwerbung, versucht sich ein Zauberer an einem Trick mit Publikumsbeteiligung. Er schwenkt den Arm eines barbrüstigen Freiwilligen wie einen Pumpenschwengel, worauf sich ein leerer Krug mit Wasser füllen soll. Stattdessen tropft Touristenschweiß aus der Achselhöhle ins Gefäß. Nebenan im Tourismusbüro eröffnet der Angestellte ein Beratungsgespräch mit den Worten: "Haben Sie etwas gegen spanische Kultur? Oder interessiert Sie das?" Wer die zweite Frage mit Ja beantwortet, wird auf einen Folkloreabend verwiesen. Kubanische Folklore.