Zur Feier der 100. Ausgabe seines Restaurant- und Hotelführers wollte der Reifenhersteller Michelin mächtig auffahren. Alle Drei-Sterne-Köche der Welt lud er ein, um im Pariser Musée d’Orsay Köstlichkeiten zuzubereiten. Saftige Bresse-Hühner, Rochenflügel und Seeteufelbäckchen, Champagner-Sabayon und flambierte Tropenfrüchte. Doch das Jubiläumsfest im März fiel aus. Der Konzern muss sparen, seine Gewinne haben sich im vergangenen Jahr halbiert. Und überhaupt: ein großes Essen für Feinschmecker im Bratenrock, während draußen Krisenstimmung herrscht? Die Öffentlichkeit hätte es nicht goutiert.

Deshalb ist der Guide Michelin France 2009 in aller Stille auf den Markt gekommen. Seiner Ausstattung allerdings sieht man den feierlichen Anlass an. Die Luxusversion liegt im Schuber vor, und auch die preiswertere Variante weicht ausnahmsweise ab vom monochromen Rot der Tradition. Zur silbernen Sonne ist Frankreichs Silhouette auf dem Einband stilisiert. Drum herum flirrt ein Geschwader von Autos, Bestecken, Häuschen und Flugzeugen. Das sind die Piktogramme, die den Guide mit den bibelpapierdünnen Seiten zum Primus unter den Gourmetführern gemacht haben.

Der rote Michelin gilt als der unumstrittene Botschafter französischer Lebensart. Der Verlag leistet sich 90 Inspektoren mit abgeschlossener Gastronomie- oder Hotelfachlehre, lässt sie als Vorkoster ausschwärmen, um die besten Köche der Welt ausfindig zu machen. Diesen geschmackssicheren, ebenso diskreten wie erbarmungslosen Inspektoren verdankt das Vorbild aller Restaurantführer sein Renommee.

Dabei hat die Erfolgsgeschichte ganz bescheiden angefangen. Als Werbebroschüre erschien der Michelin anno 1900 zum ersten Mal. Er sollte das Geschäft mit den neu entwickelten Luftreifen ankurbeln, Tankstellenbesitzer und Reifenhändler verteilten ihn bei der anrollenden Kundschaft. Mit Montageanleitungen, einem Verzeichnis von Tankstellen und Werkstätten, Ratschlägen zur Behandlung von Verbrennungen durch kochendes Kühlwasser und einer noch dürftigen Auflistung von Wirtshäusern und Herbergen wollte er die frühen Automobilisten auf die Straßen zwischen Lille und Marseille locken.

Schon bald entwickelte er sich vom Tankstellen- zum Restaurantführer, der bei fast allen Renaults und Citroëns im Handschuhfach lag. Das Drei-Sterne-Bewertungssystem – 1936 festgelegt – hat sich bis heute erhalten: Ein Stern verheißt eine "sehr gute Küche", zwei Sterne weisen auf eine "hervorragende Küche" hin. Und der dritte bedeutet: "eine der besten Küchen, die eine Reise wert ist". Die Herausgeber und Firmenchefs Edouard und André Michelin prophezeiten: "Dieses Werk wird genauso lange leben wie das Jahrhundert."

Sie haben ihr Produkt unterschätzt. Das Gourmetbrevier schaffte den Sprung ins 21. Jahrhundert. Allein im vergangenen Jahr wurden weltweit 1,2 Millionen Exemplare verkauft. Nicht mehr nur in Frankreich, sondern auch in 19 weiteren europäischen Ländern sind Tester unterwegs. Japan, China und die USA wurden kulinarisch vermessen; der Band Hongkong & Macao verlängerte die Reihe in diesem Jahr; Indien steht auf dem Plan. Dass die 100. Ausgabe des Klassikers France jetzt und nicht schon im Jahr 2000 erschien, ist der Geschichte geschuldet: In den Weltkriegen setzte das Unternehmen die Herstellung seiner Handbücher aus.

Das jüngste Werk umfasst mehr als 2000 Seiten, 3531 Hotel- und Gastronomiebetriebe sind in alphabetischer Reihenfolge der Städte von A(bbéville) bis Z(oufftgen) aufgeführt. 26 Drei-Sterne-Restaurants stehen 73 Zwei-Sterne-Restaurants gegenüber; 449 Häuser dürfen sich fortan mit einem Stern schmücken, 63 mehr als 2008. Der Hang zum Altbewährten schlägt sich in der Wiederwahl von Paul Bocuse nieder. Zum 43. Mal in Folge erhält der 83-Jährige die Weihe des dritten Sterns, während Eric Fréchon vom Pariser Hotel Le Bristol als einziger Neuling unter dem Dreigestirn firmiert.